99 platzende Luftballons

Liebe Schüler,

wollt Ihr endlich mal selber über Euren Tagesablauf entscheiden?

Nicht nur, wann Ihr etwas lernt, sondern auch was und ob Ihr etwas lernt? Oder ob Ihr Euch einfach mal nett austoben wollt, oder lieber chillen…

Dann hab ich einen Tipp: geht doch nach Hamburg an die Schule von NDW-Urgestein Nena. Eure Eltern werden sich wahrscheinlich noch an sie erinnern. Das ist die mit den 99 Luftballons. Das war in den 80ern, da war alles schrill, laut und bunt – der Musikvideo war gerade erfunden, und da wir alle viel zu sehr mit hingucken beschäftigt waren, haben wir das Zuhören vergessen. Und deshalb musste man, wenn man auffallen wollte, noch eine Spur lauter sein als der Rest. Und frecher. Nun war diese Respektlosigkeit soooo neu schon auch nicht mehr – immerhin waren die Grenzen eigentlich schon seit den 70ern immer weiter  verschoben worden. Aber man ging nun noch – Pershing sei Dank! – ein Stückchen weiter. Das Phänomen der neuen deutschen Welle brandete über die Bundesrepublik hinweg, und die meisten der damaligen Stars sind heute längst nicht mehr bunt und schrill, sondern genauso alt und borniert wie die Leute, gegen die sie damals angesungen haben.

Nicht so Nena!

Was machte sie? Unter anderem ging sie hin und gründete eine Schule. Und anscheinend hat sie dabei alles verwirklichen wollen, was wir damals gefordert haben.

Das ist unfair…wie hätten wir ahnen können, dass so etwas jemals passiert?

Liebe Nena, wir haben es wirklich nicht so gemeint damals!

Natürlich wollten wir mitbestimmen über unsere Belange. Aber wir hatten doch die Schüler-Mitverwaltung, kurz SMV! Die gibt es, glaub ich, noch heute! Und jetzt kommst Du nach all den Jahren zurück wie ein Bumerang auf Zeitreise, kaufst/mietest/was-auch-immer eine Schule, malst sie in den buntesten Farben an und lässt die Kinder (!!!) entscheiden, was sie tun wollen! In bester 80er Jahre Theorie, so richtig mit Komittees und allem (LINK: http://www.spiegel.de/schulspiegel/nenas-privatschule-demokratie-an-der-neuen-schule-hamburg-a-864354.html ).

Und was kommt heraus?

Leider nicht ganz dasselbe wie in Herbert Grönemeyers Lied „Kinder an die Macht“.

Eher eine Schule, in der es drunter und drüber geht. Und die sich (dem Vernehmen nach) in einem Punkt gar nicht so sehr von den reaktionären Schulen „der alten Schule“ unterscheidet: bei der Bereitschaft zum Mobbing und zur nackten Gewalt, die anscheinend überall gedeiht, wo der Homo Sapiens in Gruppen auftritt (LINK: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/nenas-100-luftballon-schule-der-pop-mutti-in-der-krise-a-543493.html ). Sollte es also gar nicht an der mangelnden Entfaltung liegen, wenn der Mensch des Menschen Wolf wird? Ist es vielleicht gar der Mangel an Erziehung, der ihn sich schlimmer verhalten lässt als ein Raubtier? Ein Tier handelt aus dem Instinkt heraus, der Mensch aber hat den Verstand, der ihm die freie Entscheidung leider auch zu antisozialem Verhalten lässt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist gut, dass es solche Experimente wie die Neue Schule Hamburg gibt. Denn sie können zu neuen Erkenntnissen in der Erziehungsarbeit führen. Sie können einem aber auch zeigen, was an den herkömmlichen Konzepten gut ist. Und man sollte bei aller auch schlechten Publicity bedenken, dass niemand gezwungen wird, seine Kinder dorthin zu schicken. Er sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass er sie in eine ungewisse Zukunft schickt. Das ist das Los aller Pioniere: sie wissen nicht, wo und wie die Reise zu Ende geht. Auf den erfolgreichen Entdecker warten Ruhm und Ehre, doch man sollte auch die Kehrseite der Medaille in seine Überlegungen mit einbeziehen: die Chance auf die erfolgreiche Verwirklichung eines Ideals beinhaltet eben auch die Möglichkeit des Scheiterns. Und dann steht man womöglich eines Tages vor den Scherben der Existenz seiner Kinder und bekommt von ihnen bittere Vorwürfe.

In Nenas berühmtestem Lied liegt die Welt am Ende in Trümmern. Weil die 99 Luftballons nicht als das erkannt worden sind, was sie waren: heiße Luft in einer bunten Aufmachung.

Herzlichst, das Abacus-Team!

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