Diskussionskultur

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Quelle: marctwo / pixelio.de

Gestern habe ich mal wieder fern und gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür gesehen, wie man nicht miteinander (!) diskutieren sollte. Nun ist das Fernsehen ja hinreichend bekannt dafür, dass dort z.T. Krawallsendungen laufen, in denen die Teilnehmer nicht eben respektvoll miteinander umgehen. Allerdings hatte ich keinen der viel geschmähten Privatsender eingeschaltet.

Nein, es war das Erste und die Sendung war „Hart aber fair“.

Danach habe ich beschlossen, meinen Schülern nie wieder Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu empfehlen, um sich auf den Deutschunterricht vorzubereiten. Außer vielleicht, um ihnen ein Beispiel zu geben, wie man mit seinem Mitmenschen besser nicht umgeht.

Einer der geladenen Gäste, der wohlbekannte Herr Tilly, gab da ein Musterbeispiel schlechter Diskussionskultur. Seine Angriffe auf den anerkannten Klimaforscher Mojib Latif waren zuweilen derart mit unqualifizierten Ausfälligkeiten gewürzt, dass ich mich wunderte, Frank Plasberg und nicht etwa Vera Int-Veen als Moderatorin der Sendung vorzufinden. Bei den sachlichen Ausführungen von Herrn Latif verzog Herr Tilly regelmäßig den Mund zu einem ostentativ vorgetragenen süffisanten Grinsen. In der wissenschaftlichen Welt wäre das in etwa die Entsprechung zum Stinkefinger im Straßenverkehr.

Der sichtlich überforderte Moderator beließ es dann bei einem schwachen Protest.

Eigentlich hätte er ihn aus der Sendung schicken müssen. In der Schule entfernt man Schüler, die solch ein Verhalten zeigen, aus dem Unterricht.

Nach der Sendung fragte ich mich dann ernsthaft, warum Menschen in Positionen wie Herr Tilly in einer Talkshow ein derart ungehöriges Benehmen an den Tag legen. Sind sie sich ihrer Verantwortung bewusst? Gerade ein arrivierter Vertreter der Medien wie er sollte doch wissen, wie sein Auftreten auf den Zuschauer wirkt.

Unseren SchülerInnen versuchen wir beizubringen, dass sie respektvoll und höflich miteinander umgehen, gerade auch in Streitsituationen. Aber all die guten Worte sind für die Katz, wenn sie dann den Fernseher einschalten und Zeugen rüpelhaften Benehmens unter Erwachsenen werden. Wir warnen vor falschem Medienkonsum und weisen dabei auf die Schädlichkeit der Billigsender hin. Tagtäglich kämpfen wir dafür, dass unsere Schützlinge Interesse an ernsthaften Themen entwickeln und durch das Vorbild gereifter, im Disput geschulter Erwachsener die Streitkultur lernen, die wir für das Fundament unserer auf Diskurs gegründeten Gesellschaft halten. Wir empfehlen ihnen die Talkshows im ersten und zweiten Programm als eine Art Schulung.

Und dann so was wie die Sendung gestern. Na  danke.

Und da zeigt sich mal wieder: Es reicht nicht, wenn wir kopfschüttelnd unserer Entrüstung Luft machen, sobald die Jugend mal wieder über die Stränge geschlagen hat. Wir müssen selbst Vorbild für einen fairen Umgang miteinander sein.

Wenn sie aber dann sehen, dass angesehene Mitglieder der Erwachsenen-Gesellschaft in einer Diskussionsrunde scheinbar zu jedem Mittel greifen, um Andere mundtot zu machen und die eigenen Meinungen um jeden Preis durchzusetzen, wirken alle Aufrufe für eine zivilisierte  Gesellschaft verlogen.

Wer seinen Standpunkt mit diesen Mitteln durchsetzt, der mag den Disput gewonnen haben. Aber ein Vorbild ist er nicht, und auch alle Mahnungen zum Erhalt eines gewissen Wertesystems werden mit ihm unglaubwürdig.

Liebe Kinder, wenn Ihr Zeugen der gestrigen Sendung geworden seid: Macht das nicht nach!

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