Erziehung: warum es früher einfacher war…

Ziemlich häufig höre ich von verunsicherten Eltern den Ausspruch: „Früher hat es mit der  Erziehung doch auch so geklappt!“, meist im Kontext eines gewissen Unverständnisses für die heute weit verbreitete obligatorische Konsultation ganzer Heerscharen von Psychologen, Erziehungswissenschaftlern, Pädagogen und anderer Fachleute.

Dahinter steckt nicht nur das verbreitete Phänomen, Vergangenes zu idealisieren.

Ähnliches hört man gerne auch über die „natürliche und unproblematische“ Erziehung in archaischen Gesellschaften – d.h. in Stammesgesellschaften sowie in  Entwicklungsländern. Dort, wo nach allgemeiner Überzeugung „die Welt noch in Ordnung“ ist, „schaffen es die Leute ja bekanntlich auch, ihre Kinder großzuziehen“, und – hier ein weiteres, oft gehörtes Vorurteil – „die werden nicht kriminell oder drogenabhängig“.

Abgesehen davon, dass viele Stammesgesellschaften über ein beachtliches Gewaltpotential verfügen, das nicht immer nur nach außen kanalisiert wird, ist der Preis für die  unkomplizierte Sozialisierung des Nachwuchses dort sehr hoch. Zu hoch für uns in unserer äußerst komplexen, modernen westlichen Welt.

Ein Beispiel dafür bekam ich unlängst von einer befreundeten Orientalistin, die eine Zeit lang als Entwicklungshelferin im Jemen gearbeitet hat.

Während ihres Aufenthaltes dort fielen ihr die zahlreichen Waisenkinder auf, die in den Großfamilien ihrer Verwandten mitversorgt werden. Die hohe Müttersterblichkeit, die noch  weit verbreitete Blutrache und mangelnde medizinische Versorgung sind die alltäglichen Gründe dafür. Aber auch Kinder, die noch einen oder beide Elternteile haben, sind dort weitgehend unter sich. Trotzdem wachsen alle zu Mitgliedern der Gemeinschaft heran, die von dieser als voll funktionsfähig anerkannt werden. Kein Bedarf an psychologischer Betreuung, keine Verhaltensauffälligkeiten, keine übermäßig hohe Kriminalität (sofern diese als sozial unakzeptables, justiziables Verhalten definiert wird).

Sozialromantiker könnten sich also in ihren Ansichten von den vermeintlichen Vorzügen eines „natürlichen“ Aufwachsens bestätigt fühlen.

Wenn da nicht die Erklärung dafür wäre.

Denn in der archaischen Gesellschaft des Jemen herrscht – und dies ist der eigentliche Grund für die geschilderten Verhältnisse – ein hoher gemeinsamer Konsens darüber, was richtig ist und was falsch, was man tun darf und was nicht. Dies ist eine in allen archaischen Gesellschaften beobachtete Erscheinung, sie gilt für die Stammesvölker Amazoniens ebenso wie für die Hirten Ostafrikas und in den dörflichen und zuweilen sogar in den urbanen Gemeinschaften vieler Entwicklungsländer wie z.B. eben im Jemen. Aber auch hierzulande ist es gar nicht mal so lange her, dass ein Großteil der Denk- und Verhaltensweisen als gottgegeben und damit alternativlos angesehen wurden.

Das aber bedeutet: den Pluralismus, den wir in der westlichen Welt so schätzen, über den wir uns auch mit definieren und den wir als eine unserer größten Errungenschaften ansehen, gibt es dort nicht. Stattdessen führt ein von den ziemlich eng gesteckten Grenzen der gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten zu unangenehmen Konsequenzen, die bis hin zur physischen Vernichtung reichen.

Für uns im Westen kommt also das vermeintlich so „natürliche“ Erziehungssystem schon von daher nicht in Frage, weil wir dafür alles aufgeben müssten, was unsere Kultur in unseren Augen schön und lebenswert macht.

Man stelle sich vor – keine individuelle Freiheit, keine Entscheidung über die persönliche Lebensform, keine freie Wahl der Religion, des Verhältnisses zur Nachbarschaft, zur eigenen Verwandtschaft, zum Ehepartner oder den eigenen Kindern. Dafür soziale Kontrolle bis in Details der Privatsphäre, die wir Europäer als absolut inakzeptabel betrachten würden.

In einem solchen System würden wir aufhören, wir selbst zu sein.

Die richtige Auswahl bei der Kindererziehung unter den vielen möglichen zur Disposition stehenden Erziehungsmethoden zu treffen mag manchmal verwirrend, in Anbetracht der Bedeutsamkeit der Konsequenzen sogar belastend erscheinen. Doch sie ist ein Preis der Freiheit, die wir genießen. Ein notwendiger Preis. Ein Preis, der sich lohnt!

Herzlichst, Ihr ABACUS TEAM!

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Erziehung: warum es früher einfacher war…: Nicht so toll!Ein Hauch von Nutzen!Es geht so!Finde ich okay!Toller Blogbeitrag
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