Freising: Adieu Camera

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Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de

Nun ist es also beschlossene Sache: Das Camera-Kino in Freising wird abgerissen, stattdessen wird ein Wohnobjekt errichtet. Kino gibt es ja schließlich in Mintraching oder vielleicht auch bald am Stadtrand. Wer ein Auto hat oder einen Chauffeur, kann also weiterhin ins Kino gehen, wer vielleicht einfach nach der Schule mal ins Kino möchte, hat halt Pech.

Wen betrifft es also? Die Kinder und Jugendlichen unterhalb einer bestimmten Altersschwelle.

Schon seit längerer Zeit tun mir die Kinder – nicht nur die in der Stadt Freising – leid. Ehrlich gesagt: Ich wäre heute nur ungern ein Kind. Naja, vielleicht empfinden diese das anders, schließlich kennen sie es ja nicht anders.

Und ich kenne gar nicht mal so wenige Erwachsene, die mit mir in dieser Beziehung übereinstimmen.

Eigentlich ist es ganz schön traurig, dass ein Lebensabschnitt, der idealerweise der schönste im ganzen Leben sein sollte, solche Reaktionen hervorruft.

Und eigentlich haben die Kinder ja alles. Alles, bis auf eine Kindheit.

Schon früh werden sie in einen Tagesablauf gepresst, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit eigentlich die Leben der Erwachsenen bestimmte. Frühmorgens aufstehen, waschen anziehen, frühstücken, Fahrt in den Kindergarten – alles zack, zack, und nur ja nicht getrödelt, denn dafür ist keine Zeit!

Später nimmt dann die Schule diesen Platz ein, die am Nachmittag meist vom Hort oder der Nachmittagsbetreuung abgelöst wird.

Vor Jahren einmal sprach ein Politiker von der „Lufthoheit“ über die Kinderzimmer. Dieser reichlich martialische Begriff macht das Kinderleben zu einer Kampfzone in dem Krieg zwischen staatlicher Kontrolle und der uralten Institution Familie.

Ein Krieg, den die Familie langsam zu verlieren scheint.

Und da wir uns alle zunehmend daran gewöhnt haben, dass Kinder in diversen Institutionen untergebracht sind, bis die Eltern sie nach Feierabend abholen, macht uns die Schließung des Kinos gar nichts aus. Höchstens ein paar Nostalgikern, die ihren eigenen Erinnerungen aus fast 40 Jahren Kinobetrieb nachweinen. Aber von den Kindern, denen das Kino vielleicht am meisten fehlen wird, redet niemand. Wir haben ihre Bedürfnisse (wieder einmal) schlicht vergessen, so scheint es.

Und eigentlich ist der ein oder andere froh, wenn er seine Ruhe hat. Zunehmend verschwindet der Nachwuchs aus dem Alltag der Erwachsenen. Es ist schon fast unheimlich, wie wir die wichtigste Generation, die nach uns, aus unserem Leben drängen. Fast scheint es, als müsse ein Mensch erst mal eine bestimmte Karriere hinter sich bringen, ehe er für die Gesellschaft von einiger Wichtigkeit ist. Und wenn er dann aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist und schließlich irgendwann auch kein aktiver Rentner mehr ist – denn sogar im Ruhestand  erwarten wir Unterordnung unter die Maxime des aktiven Konsumentenlebens – wird er wiederum unseren Blicken entzogen. Einem George Orwell oder einem Isaac Asimov hätte so etwas kein Mensch geglaubt!

So hat es in Freising also eine weitere Institution erwischt. Eine Institution, die unzähligen Heranwachsenden ein zunehmendes Maß an Selbstbestimmung erlaubt hatte. Zuerst am Nachmittag mit den Freunden ins Kino in die Filme für die unter Sechzehnjährigen. Dann schon etwas später am frühen Abend mal erste Erfahrungen mit dem „Nachtleben“. Da konnte man schrittweise in die Volljährigkeit hineinwachsen.

Das alles wird es nicht mehr geben.

Vielleicht sollten wir dazu übergehen, die Kinder bis zu einem bestimmten Alter außerhalb der Stadt unterzubringen und sie erst mit Erreichen der Volljährigkeit wieder rein zu lassen.

Kein Wunder, dass immer weniger Leute Kinder wollen.

Möchten Sie heute noch Kind sein?

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