Geschichte der Erziehung II

Aus der altbabylonischen Periode – das ist die Zeit ungefähr zwischen 2000 v. Chr. und 1500 v. Chr. – liegen uns genaue Schilderungen des Schulbetriebes vor. Obwohl die im südlichen  Babylonien gesprochene Sprache nun nicht länger das Sumerische, sondern das mit dem Hebräischen und Arabischen verwandte Akkadische war, sollte Sumerisch als Wissenschaftssprache noch bis etwa ins dritte nachchristliche Jahrhundert hinein weitergegeben werden. Anders als Ägypten war Mesopotamien seit jeher (und ist es auch bis heute) mehrsprachig und multikulturell gewesen. Und diese Situation der Mehrsprachigkeit führte erstmals in der Menschheitsgeschichte dazu, dass Menschen sich mit einer Fremdsprache auf akademischem Niveau beschäftigten. Die ersten Grammatiken und zweisprachigen Wörterbücher der Welt entstanden in Babylonien. Ganze Tafelserien mussten dazu auswendig gelernt und nicht nur rezitiert werden, sondern der Schüler musste beim Abfragen auch wissen, in welcher Tafelserie und in welcher Zeile darin ein bestimmtes Wort zu finden war. Es sind sogar Listen mit Schimpfwörtern erhalten geblieben.

Die Kunst der Grammatik beschrieb mit den Mitteln der einen Sprache eine andere Sprache, die noch dazu strukturell grundverschieden war. Noch heute verwenden Assyriologen beim Lernen des Sumerischen und der Keilschrift einige akkadische Fachtermini. Zahlreiche Übungstafeln, auf deren Vorderseite der Schüler geschrieben hat und auf deren Rückseite sich die Korrekturen des Lehrers finden, verraten so einiges über das Lehrsystem. Neben den erwähnten Listen gehörten mathematische Übungen dazu, die zum Teil Problemlösungen vorwegnehmen, die heute fälschlicherweise gemeinhin den Griechen zugeschrieben werden. Für moralische Unterweisung und Erbauung sorgten Sprichwörter und Witze, juristisches Wissen garantierten Gesetzescodices und Musterurteile, theologisches Wissen und Welterklärung gaben Mythen und das Geschichtsbild wurde geformt von Epen, pseudohistorischen Dichtungen, wie der vom Untergang der Stadt Akkade, und obendrein von Inschriften und Briefen vergangener Könige. Streitgespräche zwischen Jahreszeiten, Tieren, Gegenständen, Metallen und Personen gaben der Welt und ihren sichtbaren Erscheinungen Ordnung und Struktur. Doch auch die Künste kamen nicht zu kurz: Schon zur Zeit des gelehrten Königs Shulgi beschäftigten sich zumindest die adligen Schüler bei Hofe mit der Musik und erlernten neben dem Sumerischen und dem Akkadischen weitere Fremdsprachen. So erwähnt Shulgi in einer seiner zahlreichen Inschriften einen Vorfall, bei dem er sein gewaltiges Wissen unter Beweis stellen musste: als eine Delegation der Harappakultur aus dem heutigen Pakistan und Nordindien bei ihm vorstellig wurde, war sein Dolmetscher irgendwann im Laufe des Gespräches zwar nicht mit seinem Latein, dafür aber mit seinem Harappisch, am Ende. Shulgi führte die Konversation ganz souverän alleine weiter. Er war mächtig stolz darauf, und wir beneiden ihn noch heute um seine Fertigkeit, denn wir besitzen zwar etliche Schriftzeugnisse dieser Sprache, können sie aber nicht entziffern, geschweige denn lesen. Doch abgesehen von solchen Anekdoten und dem, was wir aus den verschiedenen oben aufgezählten Texten entnehmen, haben wir eine noch viel unmittelbarere Quelle: die so genannten Schulsatiren. Erstmalig in der Geschichte der Schule berichten die dort beschäftigten Schreiber über den Schulbetrieb. Und es ist zuweilen wenig Schmeichelhaftes, was da ans Licht kommt. Doch eines vorweg: die Tatsache, dass ein ganzes Textgenre sich selbstkritisch mit der eigenen Institution auseinandersetzt, spricht für diese Institution. Es handelt sich nämlich nicht um außerschulische Produkte frustrierter Schüler oder Absolventen, sondern um ganz offiziell im altbabylonischen literarischen Korpus verankerte Literatur. Nicht nur waren die Lehrer und Professoren der damaligen Zeit so überraschend aufgeklärt, es sich gefallen zu lassen, dass man sie in den entsprechenden Dichtungen zum Gespött machte. Wahrscheinlich sind die Verfasser dieser Werke sogar in ihren eigenen Reihen zu finden. Doch wer auch immer die Autoren waren, sie hatten einen entscheidenden Schritt gemacht dahingehend, dass sie ihr Tun selbstkritisch reflektierten. Und so überrascht es nicht, dass gerade in den Schulsatiren auch so mancher Ansatz auftaucht, der bei näherem Hinsehen überraschend modern anmutet.

Wir werden das nächste Mal davon hören – und ebenso vom alltäglichen Schulfrust.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/ Dr. M. Fritz!

Wie hat Ihnen dieser Blogbeitrag gefallen?
Geschichte der Erziehung II: Nicht so toll!Ein Hauch von Nutzen!Es geht so!Finde ich okay!Toller Blogbeitrag
5,00 von 5 Punkten, basieren auf 1 abgegebenen Stimmen.

Loading ... Loading ...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *