Geschichte der Erziehung III

 

Von den zahlreichen Texten, die uns der Schulbetrieb der altbabylonischen Epoche aus der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends überliefert hat, geben die sog. Schulsatiren einen unmittelbaren und direkten Einblick in sein Funktionieren. Da gibt es z.B. Streitgespräche zweier Schreiberschüler, in denen wir nicht nur über den Lehrstoff genauestens aufgeklärt werden. Nein, auch die logisch-didaktische Ausbildung der Gelehrten zeigt sich in den geistreichen Repliken der beiden Kontrahenten während des Disputes.

 

In Fokus einer anderen Komposition, der Geschichte vom Vater und seinem missratenen Sohn, stehen die geradezu zeitlosen Vorwürfe der älteren Generationen an die jüngeren. Meines Wissens ist dieser „Dauerbrenner“ damals zum ersten Mal thematisiert worden. Tatsächlich lesen wir, dass sich im Verhältnis von Eltern und Schülern seit damals nicht viel geändert hat. Ein verärgerter Vater ermahnt seinen offensichtlich lernunwilligen Filius, mehr Fleiß an den Tag zu legen und sich in der Öffentlichkeit in Zukunft besser zu benehmen. Dessen anfängliche Wiederholung der väterlichen Ratschläge lässt sich m. E. nur verstehen, wenn man sie mit dem Verhalten moderner Jugendlicher vergleicht. Der Tonfall ist sichtlich genervt; der Sohn will möglichst schnell wieder seine Ruhe haben. In meiner Jugendzeit hätte man die Lebenseinstellung des Schülers wahrscheinlich mit der Bezeichnung „Null Bock“ umschrieben. Und genau wie heute wirkt die Antwort des Sohnes auf den Vater provozierend. Ähnlich, wie auch heutzutage noch Eltern – und vollkommen befremdlich für ihre Sprösslinge – in solchen Situationen mit Vorhaltungen reagieren, redet sich der Vater nun in Rage. Wie so oft beginnt er mit einer Suada über die Entbehrungen, die er sich seinem Sohn zuliebe auferlegt hat. Dagegen sei sein Sohn überheblich, eingebildet und faul. Er warnt seinen Sohn vor falschen Freunden, hält ihm seine eigene Nachsichtigkeit und Güte vor – er habe ihn nie zu den normalen häuslichen Arbeiten herangezogen, ihn nie geschlagen (bzw. es aufgegeben, dies zu tun, weil er die Untauglichkeit dieser Erziehungsmethode eingesehen habe), habe ihn geschont, wo immer es nur ginge. Dann hält er ihm die Kinder seiner Arbeitskollegen vor, die es nicht so gut getroffen hätten. Ausführlich wird geschildert, was die alles für ihre Eltern tun müssten. Am Ende steigert er sich dermaßen in die Sache hinein, dass er den Sohn auf phantasievolle Weise beschimpft. Ein guter Teil der Schimpfwörter, die wir aus dem Sumerischen kennen, stammt aus diesem Text (neben dem „Streitgespräch zweier Frauen“ und zwei lexikalischen Listen mit Kraftausdrücken). Die Rede schließt, etwas überraschend, mit einem Segen für den Sohn – offenbar in der Hoffnung, der undankbare Kerl würde sich nun bessern. Leider ist uns über den Erfolg dieser Rede nichts überliefert, aber es ist anzunehmen, dass ein solcher Vortrag schon damals zu nichts führte. In jedem Fall kann man deutlich erkennen, dass schon damals die Schüler leicht abzulenken und nur mit eisernen disziplinarischen Maßnahmen dazu zu bewegen waren, dem Unterricht zu folgen. Man muss sich vergegenwärtigen: die mittlere Lebenserwartung zu dieser Zeit war mit ca. 25 bis 30 Jahren nicht besonders hoch, der Schulstoff dagegen umfasste im Idealfall (dem bei weiten nicht alle gerecht wurden!) ein gewaltiges Pensum. Ein Schreiber war mit ca. 15 Jahren nachzehnjähriger Schulzeit fertig ausgebildet. Auch wenn Männer aufgrund bestimmter Faktoren älter wurden als Frauen und die hohe Kindbettsterblichkeit jegliche Statistiken über die Gesamtheit vormoderner Gesellschaften beträchtlich verzerrt, musste man mit kürzeren Lebensarbeitszeiten rechnen als heute. Bildung war ein Prestigegut und sicherte beste Karrieren im Staat, aber sie kostete auch etwas. Der geplagte Vater aus dem „Vater und seinem missratenen Sohn“ macht genau das seinem Sohn recht deutlich.  Man konnte sich also genauso wenig einem gewissen Druck zu möglichst kurzen Ausbildungszeiten entziehen wie heute, wenngleich natürlich andere Begründungen für das Phänomen im Raum stehen.

Der ungeheure Druck, der schon zu dieser frühen Zeit auf Schülern, Eltern und Lehrern lastete, kommt in einem anderen satirischen Text über den Schulbetrieb noch sehr viel deutlicher zum Vorschein. Hier kriegen dann alle ihr Fett weg: die Schüler, die Eltern, die Lehrer und sogar der Schuldirektor – kurzum das ganze Schulsystem. Mehr dazu beim nächsten Mal. Und ich verspreche Ihnen: So einiges daraus kommt Ihnen bestimmt bekannt vor.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team!

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