Geschichte der Erziehung Teil IV…

Wie modern ist Schulkritik? Momentan ist sie ja sehr in Mode; nur – sie ist ganz bestimmt keine Erfindung der Moderne. Harsche, teilweise boshafte Kritik am Lehrbetrieb hat es schon immer gegeben, zumindest seit der altbabylonischen Zeit vor ca. viertausend Jahren.

Unter den auf Tontafeln erhaltenen Texten, die sich mit dem Alltag im sog. „Tafelhaus“, beschäftigen, sticht besonders die Dichtung „Sohn des Tafelhauses“ hervor. Der Protagonist, ein Schüler, schildert darin zunächst seinen Blick auf das Wesen der Schule: Nicht nur die Hausaufgaben gehören dazu, sondern auch das Pausenbrot. Zuhause benimmt sich der Junge ziemlich vorlaut: lauthals und unverschämt verlangt er Essen und Trinken, lässt sich waschen und bedienen und trägt seinen Eltern auf, ihn am Morgen nur ja pünktlich zu wecken. Anderntags beim Frühstück frisst sich der hoffnungsvolle junge Mann erst einmal ordentlich voll, ehe er mit reichlich Proviant versehen in die Schule eilt. Doch dort angekommen, wendet sich das Blatt für ihn: alle dort Angestellten – der Text vermittelt eine erstaunlich reiche personelle Ausstattung dieser Institution bereits damals! – schlagen ihn. Anscheinend wurde jedes kleinste Vergehen streng geahndet, und doch kommt heraus, dass die Schüler auch schon damals lieber alles andere in der Schule taten als zu lernen. Aber nicht nur lautstarkes Schreien, Aufstehen im Unterricht und Herumrennen im Schulhof, Trödeln und Zuspätkommen werden explizit als Grund für Prügel genannt, sondern auch das Sprechen der Muttersprache Akkadisch anstatt des Sumerischen, unschöne Handschrift und beschädigte Tontafeln (das Beschreibmedium; hier also das damalige Äquivalent zum verknitterten Heft!). Der Grad der Einschüchterung ist offenbar so groß, dass der Schüler erzählt, bereits am Eingang der Schule Herzklopfen und Angstattacken zu haben. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Schulpersonal übrigens sehr von dem geplagten Vater in der Dichtung vom „Vater und seinem missratenen Sohn“, der die Nutzlosigkeit von Schlägen als Mittel der Erziehung längst eingesehen hat. Wenn man bedenkt, wie alt diese Dichtung ist, kann man solche psychologische Einsicht nicht hoch genug schätzen: noch in viel späterer Zeit sagt der Weisheitslehrer Jesus Sirach im Alten Testament (Jesus Sirach 30, 1): „Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, auf dass er später Freude an ihm habe!“.

Unser junger Held reagiert auf die ständige Bedrohung durch die älteren Schüler und Lehrer so, wie auch heute noch Kinder und Jugendliche in solchen Situationen zu reagieren pflegen. Mit großem psychologischem Gespür erzählt der Verfasser, wie der Junge nun jegliche Lust am Unterricht verliert. Vollkommen frustriert, glaubt er den Anschluss ans Lernen ein für alle Mal verpasst zu haben – und der Lehrer, der das bemerkt, gibt sich fürderhin auch keine weitere Mühe mehr mit dem vermeintlich faulen und halsstarrigen Kerl. Doch dem kommt noch eine letzte rettende Idee, die die große Veränderung bewirkt: Er bittet er seinen Vater, den Schulmeister doch zum Essen einzuladen. Der Gast wird mit allen Ehren bedacht, die das altorientalische Zeremoniell vorsieht. Ähnlich, wie auch heute noch die Eltern problematischer Schüler zuweilen versuchen, die Erzieher durch besonders freundliches Auftreten ihren Kindern gewogen zu machen. Also hält am Höhepunkt des Festes der Vater eine Lobrede. Das dahinter stehende Phänomen ist auch heute nicht ganz unbekannt: Schon damals scheinen die Mitglieder des Lehrkörpers zuweilen darunter gelitten zu haben, dass ihre Leistungen in der öffentlichen Meinungen nicht hoch genug gewürdigt wurden. Vor diesem Hintergrund ist auch das vollkommen überzogene Strafmaß zu bewerten, dass in der Schule vorherrscht. Die Lehrer lassen einfach ihren Frust an den Schwächeren aus. Da es keine Gesetze dagegen gab, funktionierte das, zumal man seine Kinder nicht einfach aus der Schule nehmen konnte. Die altorientalische Schule ist eine Bildungsinstitution, die ihren Platz im frühstaatlichen Gebilde der Tempel- und Palastwirtschaft hat. Sie zu verlassen bedeutete, eine glänzende Karriere ein für alle mal aufzugeben.

Man merkt also förmlich, wie verzweifelt die Familie ist, und wie sehr der Lehrer seine Position gegenüber dem Vater, einem sicherlich hochgestellten Beamten oder Priester, ausnutzt. Selbst nackte Bestechung ist im Spiel: ein Ehrenkleid und ein Ring wechseln ihren Besitzer. Wenn man bedenkt, dass zur Zeit der dritten Dynastie von Ur ein Ring als Geschenk des Königs an seine engsten Mitarbeiter und loyalsten Vasallen üblich ist, kann man dieses Bakschisch nur als fürstlich bezeichnen. Am Ende der Erzählung überhäuft der Meister seinen Schüler mit Lob, als ob der mit einem Mal sein bester Zögling wäre.

Profitgierig, beladen mit Minderwertigkeitskomplexen, willkürlich und wankelmütig erscheinen die Lehrer in diesem Text, der mit Sicherheit immerhin an ihrer eigenen Institution kursierte. Man könnte meinen, man höre heutige Schüler über ihre Lehrer reden. Und auch die Schüler und die Eltern scheinen sich seit damals nicht sonderlich verändert zu haben. Der Blick auf die Verhältnisse im Lehrbetrieb ist durch und durch desillusioniert, ja geradezu zynisch. Doch für eine lange Zeit wird diese Sichtweise der Schule einzigartig bleiben.

Herzlichst, Ihr ABACUS Team /Dr. M. Fritz!

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