Reformunsinn bei der Rechtschreibung

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Quelle: Rodinge / pixelio.de

In einem aufschlussreichen Artikel im Spiegel vom 19.6.13 geht der Grundschulexperte Günter Jansen mit einem der aberwitzigsten Auswüchse moderner „Pädagogik“ ins Gericht, die die irrsinnige Lernvermeidungswelle der letzten Jahre mit sich gebracht hat. Es geht um die Lehrmethode des „Lesens durch Schreiben“, bei der die Kinder nach belieben so schreiben sollen, wie sie sprechen. Einen Orthografie-Unterricht im herkömmlichen Sinne gibt es dabei nicht. Die Methode geht auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen zurück.

Nun weist Herr Jansen zunächst einmal auf das Problem hin, dass eine phonetische Schreibung gar nicht so leicht ist, wie sich der linguistisch nicht geschulte Laie das vorstellt: Tatsächlich fassen die Buchstaben des Alphabets ja oft sehr unterschiedliche Laute zusammen, so stimmhaftes und stimmloses S (im Französischen z.B. wird letzteres durch den Buchstaben Z realisiert), oder das halb stumme e, das nach einem Begriff aus der Vokalisierung der hebräischen Schrift shwa genannt wird. Dort wird es übrigens vom Vokalzeichen für den Laut E auch graphisch unterschieden. Beide E-Laute in einem Zeichen zusammenzufassen, ist also eine Besonderheit des Deutschen, die auf reiner Konvention beruht. Einer Konvention, die man Rechtschreibung kennt, und so weist Herr Jansen folgerichtig auch darauf hin, dass man bereits schreiben können muss, um mit dem von den Reformern verwendeten System arbeiten zu können.

Schrift, so die Quintessenz des Ganzen, ist ein Kommunikationssytem, das auf Kodierung und Dekodierung von Inhalten beruht, und dazu bedarf es verbindlicher Regelungen.

Schon der ersten Schrift, die im Süden des heutigen Irak von den Sumerern erfunden wurde, lagen solche Regelungen zugrunde. Bestimmte Zeichen bezeichneten zuerst bestimmte, auch abstrakte Begriffe, wenig später auch reine Laute. Wenn man das als Voraussetzung für Schriften akzeptiert, ist ein freier Schreibunterricht unsinnig. Genauso gut könnte man auch fordern, beim Spracherwerb künftig nicht mehr Worte und Sätze vorzusprechen und die Kinder nachsprechen zu lassen, sondern das frühkindliche Gebrabbel endlich als eigene Sprache anzuerkennen. Ein solcher Vorschlag würde wohl zu Recht als absoluter Irrsinn erkannt werden.

Warum aber haben Reichens Methoden dann solchen Erfolg?

Nun, Pädagogik ist ein Schlachtfeld, auf dem sich verschiedene Ideologien unversöhnlich gegenüber stehen, gerade in Deutschland. Dabei hat sich in weiten Bereichen eine Haltung durchgesetzt, die Regeln mit Machtausübung und Lernen mit Unterdrückung gleichsetzen. Alles, was nicht spielerisch und quasi „von selbst“ geht, ist verdächtig als vom Staat gelenkte Indoktrination zum Untertanengehorsam.

Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Gerade um später ein kritischer, unabhängiger Geist zu werden, bedarf es einer Schulung. Je mehr Wissen und Informationen ein Kind in jungen Jahren vermittelt bekommt, desto eher wird es als Erwachsener auch einmal wagen, bislang Ungedachtes zu denken oder Bestehendes anzuzweifeln.

Doch es ist halt mühsam und kostet Zeit, sich mit einem Kind hinzusetzen und stundenlang das Grundwissen der Rechtschreibung zu pauken. Und, ach ja, es ist nicht besonders angesehen. Wer sich zu Höherem berufen fühlt, vertrödelt doch nicht seine Zeit mit kindischen Schreibübungen… Da heutzutage ein jeder Häuptling spielt, es jedoch zunehmend an Indianern mangelt, hat sich diese Haltung durchgesetzt. Und wenn dann ein vermeintlicher Experte daherkommt und den Leuten die tollsten Versprechungen vom großen Erfolg bei weitgehender Anstrengungslosigkeit macht, fällt es dem einen oder anderen Zeitgenossen offensichtlich schwer, kritikfähig zu bleiben. Kennt man ja auch aus anderen Lebensbereichen. Die Rechnung kommt später. Aber bis dahin ist der Zirkus ja längst weiter gezogen.

Nein, nein… an harter Arbeit werden wir auch in Zukunft nicht vorbeikommen.

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