Das G8 in Bayern…

G 8 wird wohl bleiben

Seit einigen Tagen ist es also mehr oder weniger offiziell: zumindest in Bayern wird sich am gegenwärtigen System des sog. G 8 nichts ändern (Link: http://www.sueddeutsche.de/bildung/bildungsstudie-straft-g-ab-eltern-wuenschen-kindern-mehr-zeit-zum-lernen-1.1459275 ). Lassen Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg zukünftig den Gymnasien die Wahl, sich für G 8 oder G 9 zu entscheiden – wodurch zumindest in den Ballungsräumen Eltern und Schüler über diese Frage „mit den Füßen  abstimmen“ können – schließt der bayerische Ministerpräsident Horts Seehofer dies für sein Bundesland aus.

Noch nicht entschieden ist allerdings die Frage, ob es bei den gegenwärtigen Lehrplänen bleiben wird oder ob nicht wenigstens der Lehrstoff gekürzt werden könnte. Entsprechende Forderungen von Eltern und Schülern stehen ja schon seit Einführung des achtstufigen Gymnasiums im Raum. Die Schule nähme einen zu großen Platz im Leben der Schüler ein, Freizeit und Ruhe gingen zunehmend verloren. Ganz zu schweigen natürlich, so möchte man ergänzen, die beinahe schon obligatorischen Nebenbeschäftigungen: Ballett, Fußball, Instrumentenunterricht, Reiten und die verschiedensten Sportarten.

Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass an dieser Stelle größere Einschnitte ins Curriculum erfolgen werden. Zum einen wird unsere Welt immer komplexer – wie sollte man da vom in der Schule vermittelten Grundwissen etwas weglassen? Bereits jetzt kratzt das, was deutsche Schüler über Literatur, Geschichte, Philosophie und Geographie wissen, gerade mal an der Oberfläche. Die Schule wird aber für viele junge Menschen der einzige Ort bleiben, an dem sie in diese Fächer wenigstens einen Einblick erhalten.

Die oft – und leider nicht nur im Stammtischmilieu – offen vertretene „Lösung“ des Problems, jeder könne sich darin doch selbst kundig machen, wenn er Interesse daran habe, ist die eigentliche Ursache des Problems. Gerade weil die Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland in weiten Kreisen der Bevölkerung als überflüssige Zeitverschwendung gelten, ist das allgemeine Interesse an diesen Fächern eben nicht ausgeprägt genug, um auf Eigeninitiative in der Weiterbildung zu vertrauen. Damit bleibt die Schule die letzte Bastion eines breit gefächerten Allgemeinwissens. Dass dies nicht unwichtig ist, liegt auf der Hand: ein allgemein verbindlicher, fest definierter Wissensschatz ist auch ein Garant für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Lehrt nicht schon die biblische Erzählung von der babylonischen Sprachverwirrung, wie wichtig eine gemeinsame Kommunikation ist?

Und in der Tat profitiert jeder ehemalige Schüler später im Leben von seinen in der Schule erworbenen Grundlagen auch in Fächern, die er und sein Umfeld vielleicht lange Zeit als „überflüssig“ betrachtet haben. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften werden Schüler ermuntert und gestärkt, das eigenständige Denken zu wagen, scheinbare Tatsachen zu hinterfragen, Kritik zu üben und sich eben nicht zu verlassen auf Slogans und Parolen. In einer globalisierten Welt ist eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen und fest gefassten Meinungen aber unbedingt notwendig: Menschen aus allen Kulturen begegnen heute einander ständig auf Schritt und Tritt, was auch ein gewisses  Konfliktpotenzial in sich birgt, und die weltweite Vernetzung der Kreisläufe von Wirtschaft, Ökologie und Ökonomie erfordert ein immer differenzierteres Denken, welche Ursachen zu welchen Wirkungen führen.. Bei manchen erweckt die zunehmende Komplexität des Lebens die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu den einfacheren und überschaubareren Lebensformen früherer Zeiten, und die Demagogen von Rechts und Links machen sich genau das zunutze.

Gerade dies zu verhindern ist die Aufgabe der Politik in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft, und hier kann die Schulweisheit – ein in der Regel abwertend gebrauchter Ausdruck aufgrund eines falsch verstandenen Shakespearezitates – tatsächlich ein zentrales Moment werden. Vereinfachung von Wissensinhalten und Pluralismus gehen nämlich nicht besonders gut zusammen. Sapere aude, „wage, zu verstehen“, ist keine nette Einladung, sondern ein moralischer Imperativ – und in der heutigen Zeit eine Garantie für den Fortbestand unserer Welt!

Doch wie sollte das gehen ohne die entsprechenden Wissensgrundlagen?

Allen Unkenrufen zum Trotz werden für den Lehrplan des achtstufigen Gymnasiums also auch weiterhin wohl kaum große Kürzungen zu erwarten sein. Aber ist das angesichts der Umstände nicht das kleinere Übel?

Herzlichst, Ihr Abacus Team!

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