Vom sinnvollen Umgang mit Ritualen

 

Schon seit längerem fällt mir im Internet und anderswo die zunehmende Anzahl von Artikeln auf, in denen die Einhaltung fester Rituale propagiert wird. Gerade im Erziehungssektor erlebt das Ritual derzeit wider eine Renaissance – alles, aber auch wirklich alles im Leben des Kindes soll nach festen Ritualen ablaufen. Denn sie geben, so das Heilsversprechen ihrer Anhänger, Kindern Halt und Sicherheit. Und gleichzeitig deren Eltern bequeme Routine, die vom immer schwerer erziehbaren Nachwuchs schon mal nicht mehr in einer Tour in Frage gestellt wird. Damit unterbleiben unangenehme Streitereien über Kleinigkeiten, die das Nervenkostüm des Erziehungsberechtigten (bzw. Erziehungsverpflichteten, vergessen wir das mal nicht!) schonen.
Nun ist das mit Ritualen ja so eine Sache.
Da haben wir Freisinger ja auch so einiges beizusteuern. Immerhin waren wir über tausend Jahre lang Fürstbistum, also mit anderen Worten ein Gottesstaat. Und in religiös geprägten Gesellschaften kommt dem Ritual ein ganz besonderer Stellenwert zu – ist doch die Einhaltung des kultischen Ritus gleichzeitig ein Bekenntnis zur Obrigkeitstreue.
Daher sind solche Gesellschaften meist tendenziell konservativ. So galt in Freising der gallikanische Ritus noch im dritten Viertel des elften Jahrhunderts, als er in den meisten anderen Gebieten des christlichen Europa längst außer Gebrauch war. Kurzum: Der Freisinger an sich neigt gewissermaßen schon von seiner Herkunft her zum Ritual.
Sollte man meinen.
Denn wie es so ist mit den Ritualen: Sie zementieren auch Machtverhältnisse, und das gilt für alltägliche Rituale wie das Zähneputzen genauso wie für die kirchliche Liturgie des Mittelalters. Es gibt eine übergeordnete Instanz, die ihre Einhaltung überwacht, und einen dem Ritual Unterworfenen, der es einzuhalten hat. Damit aber widerspricht diese Idee im Kern der Idee einer partnerschaftlichen Erziehung. Denn würde man die konsequent umsetzen, dürfte das Kind ja von Fall zu Fall selbst entscheiden, ob es heute die Zähne putzen möchte oder nicht. Rituale sind eine Einschränkung der persönlichen Freiheit, da sie eine erzwungene oder selbst eingegangene Verpflichtung darstellen, die eben diese Freiheit beschneidet.
Keine Angst, ich möchte hier nicht einer totalen Anarchie das Wort reden. Aber vielleicht sollten wir Erwachsenen uns doch einmal an die eigene Nase fassen: Wie sieht es denn mit unseren eigenen Ritualen aus? Wir selbst nehmen uns leider allzu oft die Freiheit, unsere eigenen Regeln über Bord zu werfen, sobald es uns passt. Damit manövrieren wir uns aber in dieselbe Position, die die Religionskritik den kirchlichen Amts- und Würdenträgern zuschreibt: Die von pharisäerhaften Heuchlern, die anderen Menschen Vorschriften machen und sich selbst dann jede Freiheit nehmen. Dieses Zerrbild, ganz nebenbei, trifft nämlich auf den Großteil der Kirchenfunktionäre nicht zu, es wird aber gerne bemüht. Und zwar oft gerade von denjenigen Erwachsenen, die es in ihrem eigenen Privatleben genauso halten: Gesetze, Regeln und Rituale sollen gefälligst für andere gelten, man selbst entscheidet fallweise, was davon sinnvoll ist und was nicht.
Möchten Sie ein Beispiel? Immer wieder erlebe ich als Nachhilfelehrer, dass Eltern mich ungeniert darauf ansprechen, ob ich ihre Kinder nicht in Zukunft an Abacus vorbei zu einem etwas reduzierten Preis unterrichten möchte. Schließlich wären die Stunden doch so teuer, und überhaupt… Ironie an: jaja, die teuren Nachhilfestunden sind schon ein Ärgernis, wenn man gerade den dritten Thailand-Urlaub im Jahr plant. Soviel zum Wert der Bildung in diesem Land. Ironie aus.
Dass sie mich damit zu einer glatten Vertragsverletzung auffordern, ist ihnen dabei offenbar egal. Übrigens bringen sie mich allein mit der Frage schon in eine peinliche Situation, denn irgendwie steht eine solche Verleitung zur Unredlichkeit ab da immer etwas unangenehm zwischen ihnen und mir. Und was hat das Kind daraus gelernt? Wenn man mal bei Rot über die Strasse geht, beschimpfen sie einen, als ob man ihrem Sprössling Drogen angeboten hätte. Aber die Aufforderung zum Betrug scheint nicht weiter schlimm zu sein.
Nein, zur Kindererziehung braucht es keine albernen Rituale. Es braucht Vorbilder.

 

Ihr Abacus-Team, Dr. M. Fritz!

<strong>Wie hat Ihnen dieser Blogbeitrag gefallen?</strong>
Nicht so toll!Ein Hauch von Nutzen!Es geht so!Finde ich okay!Toller Blogbeitrag (No Ratings Yet)

Loading ... Loading ...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *