Alles nur Heiße Luft?

Kinder sind ein guter Indikator für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Was wie eine Binsenweisheit klingt, lässt mich bei konsequentem Weiterdenken allerdings zu alarmierenden Schlüssen kommen. Denn seit Jahren steigt die Zahl verhaltensauffälliger Kinder kontinuierlich an. Hat unsere Gesellschaft ADHS?

Ja!

Und wir sind so beschäftigt, dass wir es nicht mehr merken.

Entschuldigen Sie bitte den kleinen Kalauer. Aber es ist wirklich so.

Und dasselbe gilt für Dyslexie, Dyskalkulie und die anderen Symptome.

Wenngleich ich weit von soliden wissenschaftlichen Beweisen entfernt bin, fällt mir doch immer wieder auf, dass bestimmte Problematiken anscheinend tatsächlich aus dem erwachsenen Kollektiv stammen.

Laden Sie sich doch mal ein paar Leute ein, und Sie werden sehen, was ich meine. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz Ihrer Gäste wird einen Teil des Abends mit Gejammer darüber bestreiten, dass sie jetzt nicht woanders sind. Woanders, wo es womöglich noch interessanter sein könnte, oder wo – wer weiß? – irgendeine einmalige Chance auf was auch immer auf sie warten könnte. Wo noch tollere Leute darauf warten könnten, dass sie entdeckt werden, wo noch besseres Essen und feinere Getränke auf sie warten könnten. Denn man ist ständig in Bewegung, während die anderen alle auf einen warten. Man ist ja so wichtig.

Kurzum: Was haben Sie doch für ein Glück, dass die eingeladenen Wichtigtuer Sie mit ihrer Anwesenheit beehren, denn deren Leben ist kurz und jeder Moment muss ausgekostet werden. Und eines Tages fallen sie dann in ihr Grab und waren noch nie an dem Ort, an dem sie sich gerade aufgehalten haben. Und das soll kein ADHS sein?

Jetzt versetzen Sie sich mal in die Kinder dieser Leute hinein… mit ihren sensiblen Antennen für ihre Umgebung registrieren sie Vorgänge, die Sie als Erwachsener längst zu übersehen gelernt haben. Bleiben wir beim Thema Lernen: die noch in der Entwicklung befindlichen neuronalen Verbindungen reagieren dauerhaft auf die Reize der gehetzten und gestressten Umwelt. Und passen sich an. Und irgendwann wird dann ein von definierten Formen abweichendes Verhalten registriert und therapiert. Hört man sich um, scheinen die meisten Therapien übrigens frustrierend erfolglos zu verlaufen. Man hat zuweilen den Eindruck, es geht gar nicht mehr um Heilung, sondern die Therapie ist zum Selbstzweck geworden. Vielleicht, weil die Kinder so bequem aufgeräumt sind in der Zeit und man trotzdem kein schlechtes Gewissen haben muss. Und sich in dieser Zeit wieder an einen Ort begeben kann, an dem womöglich wichtige Menschen/Dinge/Angelegenheiten auf einen warten… Sie sehen, worauf ich hinaus will. Mein Tipp: behandeln Sie nicht die Kinder, sondern die gesamte Gesellschaft.

Auch die scheinbar rasante Ausbreitung von Lese- und Rechenschwächen ist meines Erachtens in vielen Fällen der Tatsache geschuldet, dass die Gesellschaft als Ganzes das Lesen und Rechnen verlernt. Für letzteres gibt´s den Taschenrechner. Und ersteres… nun, ich komme nicht umhin zu bemerken, dass in meiner Jugend die Lehrer nicht einfach froh waren, wenn man IRGENDETWAS gelesen hat. Früher kam es schon auch drauf an, was gelesen wurde. Es gab so etwas wie einen Literaturkanon damals, als man die Werke der Weltliteratur oder Theaterstücke im Deutschunterricht noch nicht einfach nur als Film angesehen, sondern auch gelesen hat. Aber in einer Zeit, in der der Auftritt einer dicken Frau im rosa Jogginganzug bereits als Gipfelpunkt der Unterhaltung angesehen wird, kann man wohl nicht mehr erwarten.

Vor Jahren wurde ich einmal in einem öffentlichen Verkehrsmittel unfreiwilliger Zeuge eines Dialoges von – das kam ebenfalls im Gespräch heraus – Gymnasiasten. Es war die Zeit, als der Film „Herr der Ringe“ einen großen Hype auslöste. Einer der jungen Kerle meinte zu seinen Freunden doch tatsächlich: „Da gibt es jetzt übrigens auch n´Buch dazu!“.

Worauf der andere weltmännisch entgegnete: „Ach, aber das Buch ist ja nie so gut wie der Film!“.

So etwas von jemandem zu hören, der aufgrund seiner Schulausbildung aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann einmal einen gut dotierten Beruf ausüben und dann womöglich zum Vorbild für viele andere junge Leute werden wird, lässt einen doch gelegentlich mit gewissen Zweifeln zurück.

Doch bevor Sie jetzt über ihn lachen, denken Sie erst einmal darüber nach, dass der junge Mann sicher auch nicht in einem Vakuum groß geworden ist.

Gar nicht mehr so lustig, was?

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

Unser Buchtipp zum Thema: Digitale Demenz/ Prof. Dr. Manfred Spitzer

<strong>Wie hat Ihnen dieser Blogbeitrag gefallen?</strong>
Nicht so toll!Ein Hauch von Nutzen!Es geht so!Finde ich okay!Toller Blogbeitrag (No Ratings Yet)

Loading ... Loading ...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *