Kleiner Eindruck vom G9

Wie dem geneigten und regelmäßigen Leser dieses Blogs nicht entgangen sein dürfte, bin ich nicht gerade ein Freund der Rückkehr zum G9. Nicht erst seitdem die Freien Wähler in Bayern ein Volksbegehren dazu angeleiert haben, mache ich mich gegen das G8-Bashing stark.

Wie um meine düstersten Prognosen einmal mehr in Erfüllung gehen zu lassen, plant Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt im Zuge der in ihrem Bundesland beschlossenen flächendeckenden Rückkehr zum G9, das niedersächsische Abitur auf das Niveau eines Hauptschulabschlusses zu bringen. Die Dame will den Oberstufenschülern, welche doch eigentlich schon ein bisschen den Ernst des Lebens verstehen sollten, durch eine Verringerung von Klausuren und Pflichtkursen und generell einem leichteren Abi, „künftig mehr Zeit zum Lernen und zum Leben“ (Zitat F.H.) geben. Was bedeutet: Die Dame weiß, auf welcher Seite des Brotes die Butter zu finden ist, und offensichtlich zeigt sie Ambitionen, es in der Politik weit zu bringen.

Denn wenn es auch wahr ist, dass das Bildungsministerium ein politischer Schleudersitz sein kann, wenn man sich bei Eltern und Kindern unbeliebt macht, so ist es doch auch so, dass die betreffende Klientel es einem auch im Guten vergilt, wenn man nur der Faulheit ihrer Kinder willfährig Vorschub leistet. Denn nichts anderes bedeutet doch wohl ihr oben genannter Satz!

Entsprechend scheint auch die Opposition in ihrem Land das aufgenommen zu haben, denn postwendend kam von dort Protest. Keine Angst, ich denke nicht, dass die Damen und Herren so sehr davor Angst haben, dass das niedersächsische Abitur in Zukunft wohl so einen Ruf haben wird wie in den 80er Jahren das hessische – das wurde in Bayern z.B. noch nicht mal anerkannt. Wie ich die Zunft der Politiker einschätze, waren die Nichtregierenden einfach nur neidisch, weil ihnen dieser geniale Coup nicht selbst gelungen ist.

Und so steuern wir wohl unvermeidlich auf Zustände zu, die letztendlich an die düsteren Aussichten der Dystopie „Idiocracy“ erinnern. Kennen Sie den Film? Nun, wenn nicht, scheuen Sie ruhig mal danach und sehen Sie ihn sich an.

Ihnen werden die Augen übergehen.

Doch auch wenn dieser Streifen sicherlich übertrieben ist – Satire lebt nun mal davon – steht doch zu befürchten, dass die viel gerühmten deutschen Leistungsstandards bald Geschichte sind. Und wenn noch so viele Studien beweisen, dass die Schüler des achtstufigen Gymnasiums keineswegs schlechter ausgebildet sind als die des neunstufigen – es geht den betreffenden Wählern ja auch gar nicht darum! Da werden Eltern zu Hyänen, und streiten mit dem Philologenverband eifrig darum, dass nicht etwa mehr Unterricht stattfinden soll im G9, sondern weniger Stoff gelernt werde.

Das Problem ist, dass wir uns unweigerlich aus der Leistungsgesellschaft verabschieden. Leistung, das klingt nach etwas, das keinen Spaß macht. Was jedoch zum allgemein verbreiteten Hedonismus nicht passt, wird abgelehnt.

Hoffen wir also, dass die verantwortlichen Politiker sich bei der Rückkehr zum G9 nicht von eigennützigen Interessen werden leiten lassen, sondern das allgemeine Wohl des Bildungsstandortes Deutschland im Auge behalten. Denn auch wenn die Meinung hierzulande weit verbreitet zu scheint, dass die Deutschen ja sowieso die Besten seien und alle Welt nur auf sie warte: Im Ausland schläft man keineswegs, und in einer globalisierten Welt ist niemand auf das Arbeitnehmerpotenzial aus Deutschland angewiesen. Wenn man sieht, wie viel spanische, französische, italienische oder osteuropäische SchülerInnen lernen müssen, kann man den Deutschen nur raten, sich warm anzuziehen, wenn sie im globalen Wettbewerb nicht unter die Räder kommen wollen.

Und so kann ich den hiesigen Eltern nur raten: Die Konkurrenz schläft nicht, und spätestens bei der Arbeitsplatzsuche werden sie ihren Kindern keinerlei wirksame Protektion mehr geben können. Was Hänschen nicht lernt, kann Hans später nimmermehr nachholen!

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