Mein Kind ist so komplett anders … Ist das vielleicht AD(H)S?

Liebe Eltern!

In unserer täglichen Telefonberatung, kommen häufig solche Aussagen von Müttern und manchmal auch von Vätern. Ich möchte mich heute intensiver mit diesem Thema beschäftigen. Solche Aussagen empfinde ich als einen Hilfeschrei. Da sind die Mütter, die am Ende ihrer Kraft, bei uns anrufen. Es gibt nicht nur Probleme in der Schule, sondern auch endlose Diskussionen zu Hause. Jeder Auftrag, egal ob es die Spülmachine oder das Füttern der Katze ist, löst Widerstände und Diskussionen aus.

Manche Eltern berichten: ” Unser Sohn ist so komplett anders. Meine ältere Tochter ist so viel problemloser”, oder umgekehrt.

Ich höre in diesen Gesprächen die innere Not der Eltern förmlich heraus. Sie lieben ihre Kinder und merken doch, da muss irgendetwas sein, warum ich mein Kind nicht erreiche. Neben diesen Themen kommen nicht selten durch die angestrengte Familiensituation auch noch Beziehungsprobleme dazu. Was steckt denn dahinter?

Ist der Erziehungsstil bei allen Kindern in der Familie ähnlich, hat nicht selten das betroffene Kind eine Aufmerksamkeits-oder Reizverarbeitungsstörung. Wohl gemerkt, wir sprechen nicht von Beachtung, sondern von Wachheit. Ich vergleiche das gern mit einem Computer, auch wenn dieser Vergleich hinken sollte. Es geht also um “Prozessorleistung”. Unser Gehirn kann normalerweise aus der Vielzahl der Reize, die für den Moment wichtigen heraus filtern. Es gibt also in unserem menschlichen “Computerprogramm” eine Art Prioritätenliste. Betroffene Kinder und  Erwachsene können diesen Filter nicht einschalten und haben Schwierigkeiten die Prozessorleistung längere Zeit auf 100% zu halten. Übrigens, nur dann kann man lernen. Alles, was gerade auf dem “Schirm” ist, hat die gleiche Wertigkeit. Da ist jemand fest entschlossen sein Kinderzimmer aufzuräumen und sieht plötzlich die schon längst vergessene DVD. Super! Schon ist die DVD wichtig und das Aufräumen ist ausgeblendet. Wir können nämlich immer nur eine Sache konzentriert machen, auch wenn von uns manchmal “Multitasking” erwartet wird. Frank Schirrmacher schreibt in seinem Buch: “Payback, Die Ich-Erschöpfung”, dass Multitasking Körperverletzung ist. Nun wieder zurück zu unserem Kind: Wir nennen ihn einfach Paul.

Schauen wir uns vielleicht “Ihren” Paul mal genauer an:

  • er ist leicht ablenkbar und kann die Reize nicht filtern
  • …kann sich neuen Situationen und Personen nicht gut anpassen
  • …braucht Struktur von außen-kann dann zu extrem guten Leistungen kommen
  • …hat nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und wirkt sehr schnell gelangweilt
  • ….kann seine Zeit nicht einteilen und verliert sich oft in Nebensächlichkeiten
  • …kann unter Termindruck gut arbeiten
  • …kann schlecht zuhören
  • … ist ein personenorientierter “Lerntyp”
  • …kann mit guter Motivation und Lob höchte Leistung bringen
  • …schnelle und starke Stimmungsschwankungen
  • …kann Kritik nicht gut wegstecken
  • …schnell frustriert
  • …. ist sehr empfindsam und hat sehr feine Antennen, kann Stimmungen gut wahrnehmen
  • ….hat wenig Selbstwertgefühl
  • …ist sehr kreativ und kann sehr schön zeichnen und malen
  • …testet gern seine Grenzen aus
  • …möchte so sein wie andere, kann es aber nicht
  • …kann bei neuen Spielen sich stundenlang konzentrieren, jedoch nicht bei den Dingen, die er machen muss.

Finden Sie in der Beschreibung Ihr Kind wieder? Kinder, die diese Symptome aufweisen, könnten AD(H)S haben. Diese Kinder sind nicht schlecht erzogen, es liegt auch  nicht am schlechten Benehmen. Sie leiden an einer Störung. Denken Sie bitte nicht: “Mein Kind könnte doch, wenn es nur wollte”. Eben genau das geht nicht. Ihr “Paul” will Sie nicht ärgern und zum “kochen” bringen. Er kann in diesem Moment einfach nicht anders!

Finden Sie einige dieser Punkte  wieder, sollten Sie nicht zögern: Bitte lassen Sie ihr Kind bei einer Facharztpraxis testen. Damit helfen Sie sich und Ihrem Kind. Nichts ist schlimmer, als immer eine gewisse Unsicherheit mit sich herum zu schleppen. Wir können dann auch gezielt mit diesem Thema nach Strategien suchen. Bitte beachten Sie: Ihr Kind ist einzigartig und mit anderen Kindern, die vielleicht ADS als Diagnose haben, nicht unbedingt vergleichbar. Jedes Kind ist wieder anders und braucht eine indivduelle Betrachtung und Vorgehensweise. Sollten Sie unsicher sein, können Sie auch gerne uns nach Rat fragen. Wir kennen gute Adressen.

Viele selbsternannte Therapeuten versprechen den betroffenen Familien Hilfe. Leider manchmal mit fragwürdigen Methoden und Angeboten. Bitte vertrauen Sie den Fachärzten, die jeden Tag mit Kindern und diesen Fragen  zu tun haben.

Bitte bedenken Sie: “Diese Kinder sind wie Diamanten, man muss sie mit Fassung tragen”.

Was bedeutet das für das Lernen?

Es geht ganz stark um Lernanreize:

Vielleicht hilf Ihnen dieses Schaubild?

 

 

Menschen mit AD(H)S lernen meist kontakt-/personenorientiert, Visuell, taktil/motorisch/kinästhetisch!

AD(H)S akzeptieren – richtig agieren/kommunizieren

Zurück zu Paul:

Paul reagiert stark auf seine Umwelt: Reize, Gefühle, Stimmungen, Erwartungen. Nutzen Sie doch diese Chance! In Pauls Gedächtnis wird das länger gespeichert, was positiv mit Gefühlen geprägt ist. Schaffen Sie bei Paul den positiven Superreiz:

Go smart:

S trukturieren Sie das Umfeld und den Unterricht, die Hausaufgaben und die Lernarbeit.

M otivieren Sie in der Anstrengung

A kzeptieren Sie Schwächen, analysieren Sie die Stärken des Kindes

R uhig bleiben, Regeln und Routine einhalten

T olerieren Sie Kleinigkeiten oder kleinere Regelverstösse

 

Denken Sie bitte daran, dass das Gehirn von Paul immer lernt. Es lernt natürlich auch schlechtes Verhalten, wenn angesagte  Grenzen und Ziele nicht eingehalten werden, weil Paul sich sträubt. Darum gilt: Nicht diskutieren, sondern handeln.

Ich möchte noch besonders betonen:

Paul kann in einer 1:1 Lernsituation am Besten profitieren. Er lernt personenorientiert und braucht immer gezielte Motivation. Darum klappt es in der Schule mit 30 Kindern für Paul auch nicht so gut.

Sie haben noch Fragen? Gerne können Sie mich auch anrufen oder schreiben Sie mir ein Mail.

 

Ihr Jürgen Chitralla

4 Kommentare

  1. flody sagt:

    Sehr geehrter Herr Chitralla,

    ich möchte Ihnen an dieser Stelle nicht nur zu diesem sehr informativen Artikel, sondern auch ganz allgemein zu Ihrem ausgezeichneten Schreibstil gratulieren.

    Herzlichst

    flody

  2. krato sagt:

    Hallo Herr Chitralla,

    vielen dank für die Infos! Sie haben mir zu einer neuen Sichtweise verholfen und meine Gedanken geordnet!!

    herzl. Grüsse!

  3. [...] täglichen Telefonberatung erlebe ich nicht selten ratlose Eltern von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S. Da gibt es viele, oft negative, Erfahrungen mit verschiedenen Therapieangeboten und der Verordnung [...]

  4. [...] zu vermitteln, es werde gebraucht und sei selbst zu etwas fähig ist wohl die größte Dosis an Selbstbewusstsein, die man als Eltern weitergeben kann. Häufig sehen sich die Kleinen vor für sie schweren und [...]

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