Nachhilfe: Es lebe der Sport!

Als Nachhilfelehrer für Sprachen ist man immer wieder überrascht, wie aktiv Schüler werden, wenn es um Sport geht. In meinem Fach sehe ich sie ja meist nur träge herumsitzen, zu egal welcher Tageszeit müde und schläfrig. Kaum aber geht es an den Sport, der in der Regel in mindestens zwei Arten an je zwei Abenden der Woche sowie am Wochenende ausgeübt wird, wird die verschlafene Bande wach.

Gerade beim vergangenen Superbowl war ich erstaunt, dass Schüler, die sonst nur dauernd gähnend im Unterricht sitzen, nächteweise aufbleiben und das Ereignis verfolgen.

 

Vermutlich bringt mich das deshalb so aus dem Konzept, weil ich mir persönlich schon die Entschuldigung zurechtgelegt hatte, meine Schüler litten geschlossen an einer Schilddrüsenfehlfunktion.

Ich kann mich nicht daran erinnern, je von einem Schüler gehört zu haben, er sei wegen  Schulaufgaben nachts wach geblieben. In keinem Fall. Wenn einer – was nicht selten der Fall ist – aufgrund seines Freizeitangebotes vom Vortag keine Zeit mehr für die Hausaufgaben hatte, dann geht er halt ohne in die Schule. Punktum.

Ungewöhnliche Zuverlässigkeit legen die Mädchen und Burschen auch dann an den Tag, wenn es um das Hobby geht. Da wird mir schon mal erklärt, man könne Referate nicht vorbereiten / zusätzliche Nachhilfestunden nehmen / lernen, weil am Nachmittag / Abend das jeweilige Hobby stattfinde (Fussball, Tennis, Taekwondo, Reiten sind die Hauptkandidaten) und der Trainer sich auf einen verlässt.

Wenn ich daran denke, wie oft ich spontan versetzt worden bin, weil die kleine Prinzessin / der kleine Prinz sich nicht disponiert gefühlt haben zum Lernen… keine Spur von zuverlässig!

Und die Eltern stehen idiotisch grinsend daneben und platzen fast vor Stolz über all das Verantwortungsbewusstsein, dass ihr Sprössling da an den Tag legt. Und wie erwachsen und reif er sicht zeigt!

Das sind meist dieselben Eltern, die bei mir anrufen und mich koste es was es wolle auf einen bestimmten Wunschtermin festnageln wollen, weil es die einzigen freien eineinhalb Stunden sind, die ihr Kind in der Woche mal am Stück Zeit hat.

Und dabei wortreich beklagen, wie wenig Zeit zum Kind-Sein ihr Nachwuchs hat bei all dem Stress durch G8.

Keine Angst, es ist nicht das G8.

Es ist das Rundumprogramm.

Es gab eine Zeit,  da waren Tennis, Reiten und Golf Freizeitbeschäftigungen der Oberschicht. Die hatte ihre Kinder in der Regel auf Internaten oder beschäftigte einen Privatlehrer, und die achteten darauf, dass sich das Lernen und der Sport eine vernünftige Waage hielten.

Irgendwann aber wollte der aufstrebende Mittelstand all das auch haben. Und verlor dabei jedes Maß und Ziel aus den Augen.

Nicht zuletzt deshalb, weil sie von der Oberschicht zwar die Sportarten übernahmen, nicht aber deren Liebe zur Bildung. Denn in den sog. „besseren Familien“ wird sehr darauf geachtet. Was ist mit dem Ideal des Bildungsbürgertums geschehen? Wo ist die Tugend der „Bildung um der Bildung willen“? Die „Neue Mittelklasse“ der Technokraten will nur, „was man sieht“. Respektive das, „was was bringt“. Und so bauen die Privatsender heute lieber ein bequemeres, weil leicht erreichbares Bild von einer Pseudo-„Oberschicht“ auf: Gezeigt werden ungebildete Parvenus mit grottenschlechter Schulbildung, die nichts, aber auch gar nichts mit der wirklichen Elite zu tun haben. Da stolpern nun die Fernsehprolls durch ihr sinnentleertes, dummes Leben und vermitteln die Botschaft: Schaut her, so glamourös geht es „da oben“ zu!

 

Wer auf so was hereinfällt, kann einem eigentlich nur Leid tun.

Wer also wirklich für seinen Nachwuchs ein „High-Society“-Leben will, sollte vielleicht mit der Liebe zur Bildung anfangen. Der Sport kommt in dem Alter ohnehin nicht zu kurz. Und auch, wenn man Bildung „nicht sieht“: Ihr Fehlen wird umso schmerzlicher bewusst.

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