(Ab)Brüche…

Nach einem Bericht der „Welt“ brach 2011 – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor – beinahe ein Viertel der Auszubildenden ihre Lehre ab.
Als Gründe dafür gaben sie unbezahlte Überstunden und ausbildungferne Aufträge an. Besonders die Kellner fühlen sich oft ausgenutzt. Doch nicht nur die. Viele der hauptsächlich von dem Problem betroffenen Lehrstellen gehören zu eher „körperlich anspruchsvollen“ Berufen, wogegen die Ausbildungen in Büro- und Schreibtischberufen weniger häufig verlassen werden.
Aber liegt es wirklich nur daran? Und haben z.B. die Banklehrlinge keine Überstunden? Liegt es vielleicht an ganz anderen Ursachen, nämlich an solchen, über die niemand offen spricht?
Meines Erachtens fügen sich die Ergebnisse der Untersuchung ins allgemeine Bild ein. Der allgemeine Trend geht seit Jahren ganz stark in Richtung sitzender Tätigkeiten, möglichst am Computer. Die große Gruppe der handwerklich Arbeitenden wird so systematisch ausgeblendet, dass sie sich zuweilen regelrecht ausgegrenzt, zumindest aber nicht mehr wahrgenommen fühlen. Sie wollen ein Beispiel? Nehmen wir einen sehr guten Freund von mir, seines Zeichens Schreinermeister und außerdem noch dazu fertig ausgebildeter Landschaftsgärtner. Ich kenne nicht viele derart fleißige und lernwillige Zeitgenossen wie ihn. Rechne ich die Zahl seiner Ausbildungsjahre zusammen, in denen er für ein mageres Lehrlingsgehalt oder mit einem wegen der Meisterausbildung schmalen Geldbeutel sich Wissen, Fähigkeiten und Praxis angeeignet hat, komme ich bei ihm auf eine Ausbildungszeit, die sich durchaus mit der eines Studenten messen kann. Aber wird das honoriert? Schon früh morgens bei der Fahrt zu einem Auftrag geht es für ihn schon los: Sei es, dass der Radiomoderator die Wettermeldungen für „alle, die heute bei dem schönen Wetter im Büro sitzen müssen“ verliest. Warum nicht auch für die anderen Zuhörer, die nicht am Schreibtisch arbeiten? Dann – und ich gebe jetzt eine tatsächlich von ihm erlebte Geschichte wieder – wird er Zeuge, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind über ihn sagt: „Lern mal was Richtiges, sonst musst Du auch mal so etwas wie der Mann da drüben arbeiten!“ – das alles natürlich in abfälligem Tonfall, mit lautem Organ und noch dazu und wie selbstverständlich in seinem Beisein, als wäre er taub und blind. So geschehen vor nicht allzu langer Zeit in unserem schönen Freising. Und das ist kein vereinzeltes Erlebnis. Dieses Verhalten scheint symptomatisch für eine ganz bestimmte Mehrheit von Leuten zu sein. Sie bilden sich viel ein auf ihre gepflegten Hände, die nach Feierabend genauso sauber sind wie davor, und haben keinen Respekt vor der Lebensleistung ihrer Mitmenschen. In dumpfer Selbstgerechtigkeit stilisieren sie ihren eigenen Lebensentwurf hoch zum absoluten Nonplusultra, während der Mitmensch ihnen nicht einmal den Anstand wert ist, ihn nicht als vermeintlich abschreckendes Beispiel für ihre heranwachsende Brut zu missbrauchen. Und einmal im Jahr erinnert man sich dann mit vor Stolz geschwellter Brust des Wirtschaftswunders – das exakt von der Art Leute getragen wurde, die sich für harte körperliche Arbeit nicht zu schade waren. Wie würde dieses Land heutzutage wohl aussehen, wenn damals nur Computerexperten und Finanzberater (nichts gegen sie, aber eben nicht NUR nichts gegen sie!) zur Verfügung gestanden hätten?
Und hier liegt das eigentliche Problem: Bestimmte Arten von Arbeit, selbst wenn es sich um Spezialistenberufe handelt (denn was ist ein Handwerker anderes als ein trainierter Spezialist?), werden heutzutage anscheinend als schandbar angesehen. Es ist, als ob die antike Sklavenhaltergesellschaft eine unselige Wiederauferstehung erlebte. Harte, ehrliche Arbeit gilt als äußeres Zeichen von Rohheit und Stumpfsinn.
Ist es da ein Wunder, dass die jungen Leute diese Berufe nicht mehr machen wollen? Es gab eine Zeit, da war der Handwerker oder Facharbeiter noch jemand. Und wenn wir nicht in allzu naher Zukunft inmitten einer Trümmerwüste leben wollen, sollten wir diesen Leuten ganz schnell wieder den Respekt zollen, den sie verdienen. Sonst wird – egal was die Baumarktwerbung suggeriert – eines Tages niemand mehr den tropfenden Wasserhahn reparieren können.
Bleibt mir nur noch zu sagen, dass besagter Freund von mir – ungeachtet seiner zwei mit harter körperlicher Arbeit verbundenen Berufe – einer der aufgeschlossensten, interessierten Menschen ist, die ich kenne – und damit über weit mehr Kultur und Bildung verfügt als diejenigen, deren Horizont mit dem Feierabend schlagartig endet. Und er würde sicher niemals abfällig über den Beruf eines anderen reden – schon gar nicht, wenn der direkt neben ihm steht.
Bildung hat nichts mit der Farbe der Fingernägel oder eventuell vorhandenen Schwielen an den Händen zu tun.

Herzlichst, Ihr Abacus Team!

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