Der Untertan – über Bildungslücken im PISA-System

 

 

Ein Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ mit dem Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier offenbart aufschlussreiche Einblicke in Bildungstrends, die seit Jahren immer mehr ins Auge springen: Der Verlust humanistischer Bildung zugunsten reiner Technokratenlehrgänge.

In seinem aktuellen Buch „Performer, Styler, Egoisten – über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben“ stellt Heinzlmaier die These auf, dass die zunehmende Marktorientiertheit der Bildung in den vergangenen Jahren zu einem Werteverlust in der Gesellschaft geführt haben. Selbst die angeblich so wichtigen „Social Skills“ haben nur eine Berechtigung, da sie Vorteile auf dem Arbeitsmarkt bringen.

Nun mag einer einwerfen, Heinzlmaier gehe mit der Jugend zu harsch ins Gericht. Tatsächlich aber verurteilt er nicht die junge Generation, die ja Opfer und nicht Täter der Bildungsmisere ist. Er verortet die Schuldigen dort, wo sie sind: In den Etagen der Wirtschaft, die die Anforderungen der PISA-Studie nach ihren eigenen Bedürfnissen geprägt hat. Dabei seien dann die Geisteswissenschaften als vermeintlich unnützer Ballast über Bord geworfen worden.

Und aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich Herrn Heinzlmaier leider nur Recht geben.

Wenn die erste und wichtigste Frage von Schülern bei der Studienberatung ausschließlich lautet „Was verdient man denn da?“, dann ist es mit der Liebe zur Bildung nicht weit her. Alles im Leben ist dem allgemeinen Gesetz der Ökonomie unterworfen. Die Wertigkeit eines Lebensentwurfes wird nicht nach den Kriterien von Zufriedenheit oder immateriellen Standards, sondern ausschließlich nach der Einkommenshöhe bemessen.

Das ist ein Armutszeugnis für das selbsternannte Volk der Dichter und Denker.

Zudem bedeutet die permanente Überhöhung der Stromlinienförmigkeit und Marktkonformität in der Erziehung unseres Nachwuchses eine echte Gefahr für unsere Demokratie. Und ich wage zu behaupten, dass genau diese Eigenschaften auch politisch erwünscht sind. Denn ein Volk von rein monetär interessierten, politisch ungebildeten Wählern ist leichter manipulier- und steuerbar als eine Gesellschaft von aufgeklärten, sich selbst und die Umgebung reflektierenden mündigen Bürgern. Warum sonst sollte die Politik in den vergangenen beiden Jahrzehnten den Forderungen der Wirtschaft im Bildungsbereich so willfährig entgegengekommen sein?

Der viel beklagte Verlust der früher so selbstverständlichen Allgemeinbildung hat Methode: Goethe erzählt uns in seinem „Faust“ eben nicht nur eine hübsche Geschichte ohne Tiefgang, sondern er stellt einen ganzen Kosmos an Fragen. Das ist es, was Literatur von dem Schund in den Bestsellerlisten unterscheidet: Sie lädt zum Nachdenken ein.

Was die nicht deutschsprachigen Literaturen angeht, so sah es ja in Deutschland mit der Bildung noch nie besonders gut aus: Während ein mir vorliegendes Lesebuch der dritten Grundschulstufe aus dem Sizilien der 50er Jahre bereits mit einem Goethezitat anfängt, wissen oft auch die Angehörigen des Bildungsbürgertums hierzulande nicht wirklich viel über die italienischen Schriftsteller – noch nicht einmal von Dante! Von außereuropäischen Literaturen ganz zu schweigen. Derartige Bildungslücken begünstigen ein Klima von Chauvinismus und nationalistischer Selbstüberschätzung. Sie glauben mir nicht? Lesen Sie sich mal durch, was die Halbgebildeten in den Leserkommentaren der großen Onlinezeitschriften zum Teil so alles äußern, wenn es etwa ums Thema „Islam“ geht. Dass die islamischen Länder eine glänzende Zivilisation hatten, als es in ganz Europa nur insgesamt kaum tausend Buchtitel gab, scheint diesen Leuten unbekannt zu sein. Und auch auf andere Kulturen sieht man herunter – oder wie viele Thailandurlauber haben auch nur einen Funken Ahnung von den Kulturen des indochinesischen Kulturraumes? Die haben auch ihre Dichter und Denker gehabt. Aber das will man wohl alles gar nicht wissen, wenn man in Bangkok auf der Jagd nach Billigklamotten oder jungen Thaimädchen ist. Und sich dabei so westlich-überlegen fühlt!

Wir brauchen eine Bildungsoffensive. Humanistische Bildung muss wieder gefördert werden, wenn wir nicht eines Tages enden wollen wie das menschliche Schlachtvieh in H.G. Wells „Zeitmaschine“!

Herzlichst, Ihr ABACUS Team/ Dr. M. Fritz!

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