Chaosforschung…

Seitdem sich die Philosophie die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen stellt, besteht Uneinigkeit darüber, ob der Mensch von Natur aus gut oder aber schlecht ist.

Interessanterweise haben sich die großen Denker aller Kulturkreise an diesem Problem abgearbeitet, und zwar sowohl in den westlichen Kulturen als auch in den östlichen. Im alten China haben sich zwei der drei weltanschaulichen Hauptrichtungen von Dynastie zu Dynastie abgewechselt, wobei die eine – der Daoismus – den Menschen als an sich gut ansah, während die andere – der Konfuzianismus – den Menschen als an sich schlecht betrachtete. Dies hatte seit jeher großen Einfluss auf die Politik: Waren die so genannten Legalisten am Ruder, wurde das öffentliche und private Leben von drakonischen Strafen und tiefem Misstrauen gegenüber den Bürgern beherrscht. Der Überwachungsstaat ist keine Erfindung der Moderne – was ihn aber nicht besser macht.

Nun mag sich mein Leser im beschaulichen Freising denken, das alles gehe ihn so viel an wie der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt – „is doch Wurscht, wos de da drüm in China moi denga oda dengt hom oda ned!“.

Das Gegenteil ist der Fall.

Wenn viel beachtete Kapazitäten wie Remo H. Largo oder Richard David Precht in letzter Zeit vermehrt mit Forderungen nach einem Totalumbau des Schulsystems an die Öffentlichkeit gehen, tun sie dies als Legalisten, also mit der Annahme, dass die Kinder eigentlich lernen wollen und nur durch ein unpassendes Schulsystem daran gehindert werden. Am besten, so der Tenor, wäre es doch sie sich selbst zu überlassen und nur moderierend einzugreifen, wenn es unbedingt notwendig wird. Gewissermaßen – wenn ich es richtig verstanden habe – soll Genie nach Art eines Urknalls aus dem Chaos entstehen.

Nun will ich mir ja gar nicht die Kompetenz anmaßen, diesen beiden kompetenten und sachkundigen Spezialisten zu widersprechen. Sicherlich ist ein Schulsystem, wie es den beiden – in unterschiedlichen Abwandlungen – vorschwebt, ideal.

Aber wie es nun mal so ist mit Idealen… sobald sie in der Realität ankommen, funktionieren sie nicht mehr so recht.

Denn das ideale Schulsystem mit individueller Förderung und Lehrern, die sich total auf das Kind einstimmen, ist schlechterdings nicht finanzierbar. Und leider – auch wenn die beiden Herren bei der Erwähnung schnöden Mammons womöglich genervt die Augen zum Himmel verdrehen, während sie sich mit dem Rotweinglas in der Hand in ihre Clubsessel zurücklehnen – leben wir nun mal in einer Gesellschaft, in der es unter anderem auch aufs Geld ankommt. Sonst würden die Herren ja ihre Bücher auch als Open-access-Dokument im Netz zur Verfügung stellen, anstatt sie im Buchladen gegen Geld anzubieten, oder nicht?

Schließlich müssen wir alle leben – und die Betonung liegt auf ALLE.

Sicher – das Beste ist für unsere Kinder gerade gut genug. Bloß – wenn die Kosten dafür sich in entsprechenden Steuererhöhungen durchschlagen, schreit auch wieder alle Welt nach Einsparungen. Diesen Aspekt außer Acht zu lassen, ist meines Erachtens nicht besonders weise.

Allerdings scheint dieser Mangel an Weitsicht für große Denker leider typisch zu sein. Ich erinnere an gewisse römische Philosophen, die in ihren Schriften das einfache Leben verherrlichten, während auf ihren Latifundien die Sklaven sich zu Tode schufteten.

Bis auf Weiteres wird es also wohl beim gegenwärtigen Schulsystem bleiben, mit kleineren Abwandlungen vielleicht.

Versuchen wir doch vorläufig, damit klarzukommen.

Wir haben kein anderes.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team, Dr. M. Fritz!

 

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