Das Schulsystem der Zukunft?

Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Sie stolpern beim Stöbern im Internet über einen Artikel, den Sie fasziniert durchlesen, nur um danach verwundert den Kopf zu schütteln.

Mir ist das bei der Lektüre eines Artikels im „Stern“ so gegangen (Link:  http://www.stern.de/panorama/kritik-am-bildungssystem-schule-ist-energieverschwendung-1902379.html#utm_source=sternde&utm_medium=zhp&utm_campaign=panorama&utm_content=snippet-links ). Der Verfasser bewirbt darin sein eben erschienenes Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“. An der Aussage des Titels ist an sich nichts auszusetzen, wohl aber an seinem Inhalt. Denn was der ansonsten von mir sehr geschätzte Uli Hauser darin in Verein mit dem Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther fordert, ist ein radikaler Umbau unseres Schul- und Lernsystems. Nun mag Kritik an dem bislang herrschenden Modell berechtigt sein, aber mir persönlich sind die Forderungen der beiden doch ein wenig zu radikal.

Zuerst einmal muss ich zugeben, dass mir das weit verbreitete Schulen- und Lehrerbashing langsam gründlich zum Hals heraushängt. Mittlerweile gehört es regelrecht zum guten Ton, reflexartig jeglichen Leistungsgedanken zu verteufeln und die ach so armen Schüler zu bemitleiden, weil sie neben den doch viel lustigeren außerschulischen Aktivitäten auch noch mit innerschulischem Lernstoff belästigt werden. Und natürlich sind immer die anderen schuld. Es ist übrigens absolut notwendig, dass man einen Schuldigen benennt – ähnlich der Forderung Maos, dass man stets Klassenfeinde benennen müsse. Nur bei sich selbst die Verantwortung  zu suchen ist laut gesellschaftlichem Grundkonsens nicht gefragt. So, wie man in bestimmten Kreisen besser nicht zugibt, sein Gemüse beim Lebensmitteldiscounter zu kaufen anstatt vom Biogroßhandel anliefern zu lassen, sollte man Vorschläge unterlassen, die  auf die Richtung abzielen, vielleicht etwas mehr Zeit ins Lernen zu investieren als in die zugegebenermaßen angenehmeren Hobbies. Verstehen Sie mich nicht falsch –musische Beschäftigung wie auch Bewegung sind wichtig für junge Menschen, keine Frage. Aber ich habe langsam den Eindruck, dass in manchen Familien alles andere als unwichtig ausgeblendet wird. Warum? Weil man um die Anerkennung der lieben Kleinen regelrecht buhlt. Und da ist es eben uncool, Leistung zu verlangen oder darauf hinzuweisen, dass an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig Verbesserungsbedarf besteht. Denn das hört der Nachwuchs gar nicht gern. Und mag der in schulischer Beziehung auch ein ausgesprochener Leistungsverweigerer sein – so fix, dass er unliebsame Bemerkungen mit sophistischer Redegewandtheit und eventuell einer oskarreifen Darbietung tief verletzter Gefühlswelt wegbügelt, ist er allemal. Um nicht zu sagen: er hat die Schwachstelle seiner Erzeuger längst durchschaut, und die besteht darin, ständig ein schlechtes Gewissen zu haben. Schließlich will man nicht derjenige sein, der eines Tages als der Schuldige (siehe oben) benannt wird, wenn das (mittlerweile herangewachsene) Kind ein Unbehagen verspürt und zum Psychiater muss. Denn dann hat man versagt. Und zwar auf der ganzen Linie. Nur das hundert Prozent glückliche Kind ist ein lebendes Zeugnis dafür, dass man alles richtig gemacht hat und kein Versager ist. Das Dumme ist nur: woher weiß man, was das Richtige ist? Meiner Meinung nach ist ein Kind, dass seine Eltern derart unter Druck setzt, auch nicht gerade ein Beweis für den Erfolg der Erziehung. Aber ich vergaß: dafür macht man dann den Konkurrenzkampf an den Schulen verantwortlich.

Bitte: wir alle träumen vom Paradies. Oder Shangri-La oder Hya-Breasil oder wie auch immer man es nennen will. Das ist im Menschen wohl angelegt, denn solche Vorstellungen gibt es in allen Kulturen. Doch aus gutem Grund haben zumindest die Weltreligionen diesen Zustand in die ferne Zukunft nach dem jüngsten Tag verlegt bzw. in ein ungreifbares Jenseits. Im Selbstverständnis der drei westlichen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – schließt das Leben, wie wir es kennen, das paradiesische Dasein geradezu aus: das ist der Preis für die Frucht vom Baum der Erkenntnis, von der die ersten Menschen genascht haben. Was aber wären wir ohne unseren Verstand? Im Paradies, sicher, aber wären wir dann noch Menschen? Mir ist auf der ganzen Welt kein Bildungssystem bekannt, das den Forderungen Herrn Hausers entspricht. Aber wenn es das heutzutage nicht gibt, wie war es denn dann eigentlich früher? Hat es vielleicht da irgendwo ein solches Ideal einmal gegeben? Dieser Frage werde ich zukünftig im Rahmen dieses Blogs ab und an nachgehen.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz

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