Ganztagsschule: Plädoyer für eine differenziertere Sichtweise in der Schulpolitik

Vorsicht vor „einfachen“ Lösungen! Vor allem, wenn sie für schwierige Probleme angeboten werden. Dieser Satz, der wie eine Binsenweisheit klingen mag, verhallt im Leben leider viel zu oft ungehört.

Die Gründe dafür sind bekannt: Je komplizierter das Leben wird, desto mehr sehnen sich all die von den vielfältigen Analysen im www geplagten Zeitgenossen nach Einfachheit und Überschaubarkeit, und …

… so ist natürlich auch dies eine grobe Vereinfachung. Leute, die sich ums Nachdenken drücken, hat es schon immer gegeben. Und zwar mehr als genug.

Verbindendes Merkmal war jeweils die Denkfaulheit weiter Kreise der Bevölkerung. Nun, der Mensch ändert sich ja bekanntlich nicht, sondern wechselt lediglich seine Kleider, seine Behausungen und das darin befindliche Mobiliar sowie die folkloristische Art, auf der er seinem Schöpfer je nach Tagesform sein leid klagt oder ihm Dank abstattet. Schon das Alte Testament weiß, dass nichts Neues unter der Sonne geschieht.

Und so wundert es mich auch nicht besonders, dass sich jetzt ein heftiger Expertenstreit um Sinn und Unsinn der Ganztagsschulen entsponnen hat.

Zu überzogen waren die Erwartungen, die man daran geknüpft hat: So dachte man, lernschwache Schüler würden automatisch von ihren begabten Altersgenossen mitgezogen – dass umgekehrt auch die begabten von ihren lernunwilligen, aber körperlich überlegenen und mit moralischen Skrupeln weniger belasteten Klassenkameraden heruntergezogen werden könnten, hat man merkwürdigerweise außer Acht gelassen – die Kinder würden generell bessere Leitungen in der Schule erbringen, und, was den meisten Eltern wohl am Wichtigsten war: man könnte nun ganz und gar unbelastet von jeglichem schlechten Gewissen zurückkehren zum Vollzeitjob, um ganz im Sinne kapitalistischer Staatsraison dem Arbeitsmarkt und den Ansprüchen der Arbeitgeber nach möglichst grenzenloser Flexibilität zur Verfügung zu stehen. Und dabei dem Nachwuchs noch einen Gefallen tun, könnte der doch nun, unbehindert durch die verblödeten Eltern, endlich seine geistigen Schwingen ausbreiten und zum Himmel der höchsten Genialität aufsteigen.

Offenbar traut man den meisten Eltern ja gar nicht mehr zu, ihren Nachwuchs selbst großzuziehen. Warum auch, schließlich gibt´s doch für alles in unserem Land Experten, die das alles besser können als die biologischen Erzeuger.

Doch nun melden sich Stimmen zu Wort, die am Sinn der Ganztagsschule zweifeln. Diese habe gar keinen Nutzen für die betroffenen SchülerInnen. Wie auch, wenn keine neuen Lehrkräfte eingestellt werden, so frage ich mich.

Und so wird das Nachmittagsprogramm denn auch von ganz anderer Seite bestritten. Meistens werden also keine vermehrten Lernangebote gemacht, sondern nur eine Verlagerung der allgegenwärtigen Kindesbespaßung vom Elternhaus hin zum Nachmittag in der Schule. Will sagen: Spielgruppen, Sportvereine und Musikschulen bestreiten in der Regel einen Teil des Tages, der sinnvoll zum Vertiefen des Schulstoffs dienen sollte.

Und wetten? Wenn die Kinder dann heim kommen, wird in den meisten Familien auch nicht mehr gelernt. Schließlich war das arme Wurm ja den ganzen Tag in der Schule, da kann man ihm dann abends keine weitere Lernerei mehr zumuten. Wahrscheinlich geht es dann noch zwei bis vier mal in der Woche zum Sport, „damit auch mal ein bisschen Ausgleich ist“.

Aber einen Nutzen hat die Ganztagsschule doch, und das ist die Optimierung der Marktkonformität der Eltern. Damit verschwindet dann auch eine weitere Nische, in der sich Eltern dem allgegenwärtigen Druck des Arbeitsmarktes entziehen.

Und darauf kommt es ja schließlich an, nicht wahr?

Herzlichst, Ihr ABACUS-TEAM/Dr. M. Fritz.

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