Geschichte der Bildung: Viel Frust in der Antike…

Im heutigen Teil meiner kleinen Betrachtung zum Bildungssystem in der klassischen Antike möchte ich den Elementarunterricht verlassen und mich der nächst höheren Stufe des dreistufigen Schulsystems in Griechenland und Rom zuwenden. Der Unterricht beim Grammatiklehrer begann in etwa mit dem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr und dauerte bis zum Alter von ca. 16 Jahren. Gab es schon von vorneherein keine Schulpflicht, so besuchten noch weitaus weniger Jungen – Mädchen durften ohnehin meist keine Schulbildung genießen – diesen Unterricht.

Was wurde dort überhaupt vermittelt? Sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern standen zunächst einmal die griechischen Klassiker im Vordergrund (bei den Römern selbstverständlich auch die lateinischen). Anhand der Werke Homers, Euripides, Menanders etc. wurden nicht nur Grammatik und Wortwahl geübt, sondern auch Metrik und Betonung (was schon von daher unverzichtbar war, weil es in der Schrift keine Worttrenner gab) sowie  Text- und Quellenkritik. Lexikalische, ethnographische und mythologische Anspielungen wurden ebenso erläutert wie ethische Fragen, die die Texte aufwarfen. Darunter darf man sich nicht vorstellen, dass der Lehrer mit den Schülern frei diskutiert hätte: der Respekt vor den vergangenen Geistesgrößen war geprägt von einer derartigen Unterwürfigkeit, dass eine eigenen Meinung gar nicht erwünscht war. Was sich wiederum negativ auf die Lernbereitschaft und die Aufmerksamkeit der Schüler auswirkte. Die erhaltenen Erfahrungsberichte zeigen, dass die ermüdende Detailverliebtheit bei den Schülern nicht selten zu Langeweile und Verdruss führte. Wie schon in der Grundschule setzten die Lehrer  Disziplin in der Regel mit Gewalt anstatt durch Motivation durch. Vom heiligen Augustinus wissen wir, dass er den Griechischunterricht hasste. Damit begründete der große Kirchenlehrer eine Schülertradition, die sich bis in die Neuzeit hinein gehalten hat. Nur, dass sie sich mittlerweile auch aufs Lateinische erstreckt. Als ähnlich zermürbend dürften auch die anderen Fächer empfunden worden sein: Arithmetik, Geometrie und Astronomie, und – bei den schöngeistigen  attischen Griechen mehr als bei den kleingeistigen Römern – Musik. Auch Sport gehörte in Athen zum festen Unterrichtsplan – schließlich fand die Schule ja schon in einem Bereich des Gymnasions statt. Letztere Institution, dem unser heutiges Gymnasium seinen Namen verdankt, war eigentlich eine Sportstätte. Doch die griechische Theorie von der Natur allumfassender Bildung verlangte auch eine Schulung der körperlichen Komponente. Bei den Römern gehörte Sport zwar nicht zum eigentlichen Lehrplan, wurde aber wie zu allen Zeiten von den Schülern lieber betrieben als das Lernen. Allen, die jetzt das hohe Lied antiker Ideale anstimmen, sei zur Ernüchterung gesagt, dass die körperliche Ertüchtigung nichts weiter war als eine Vorbereitung auf den Kriegsdienst. Nicht spielerisches Kräftemessen, sondern knallharter Wettbewerb prägte diese Tätigkeit. Bei den Spartanern nahm man ihn so wichtig, dass das gesamte Bildungssystem unter staatliche Aufsicht gestellt wurde. Nichtsdestotrotz  war auch schon damals der Sportunterricht wohl das einzige Fach, zu dem man die meisten Jungen im Teenageralter nicht eigens zwingen musste – im Gegensatz zu den Natur- und Geisteswissenschaften. Juvenals wohlbekannter Satz (Satiren 10, 356) „Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano : Man soll darum beten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne!“ war mitnichten eine Aufforderung, öfter mal ins Fitnesscenter zu gehen. Vielmehr äußerte er Kritik daran, dass bereits im alten Rom viele junge Männer zwar eine Menge Schmalz in den Muskeln, aber wohl nur wenig im Hirn hatten. Man gestatte mir in diesem Kontext die Bemerkung, dass in jenen finsteren Zeiten der Beruf des Nachhilfelehrers noch nicht erfunden war. Wer also die Kurve nicht gekriegt hatte, hatte den Anschluss definitiv verpasst.

Für alle diejenigen, die dies nicht hatten, ging es nach der Grammatikschule weiter zum Rhetor. Und bei dem wollen wir uns das nächste Mal umsehen.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

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