Gymnasium: Acht oder neun Jahre oder was?

Alle Jahre wieder… kommt das Thema „Rückkehr zum G9“ auf. Fast möchte man meinen, dass die Gegner des achtstufigen Gymnasiums sich die Devise des chinesischen Philosophen Laotse zu Herzen genommen haben, wonach das weiche Wasser durch stetiges Bearbeiten selbst den härtesten Stein auflöst.

Ist Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, also ein Daoist? Immerhin, wenn man ihn derzeit vom G9 reden hört, könnte man manchmal schon meinen, der Mann spreche Chinesisch.

Eher jedoch kommt mir die ganze Sache spanisch vor.

Meine Güte, wie lange ist das achtstufige Gymnasium jetzt schon in Kraft? Und trotzdem wird, medienwirksam, ein Kerzenkranz mit neun Lichtern präsentiert, die Aiwanger der bayerischen Staatsregierung aufstecken möchte.

Nun halte ich es ja für löblich, dass dem Mann das Wohlergehen der Schüler so sehr am Herzen liegt. Wie auch dem Philologenverband, der ebenfalls zurück zu den alten Sitten möchte.

Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass allein der Name dieses Verbandes bayerischer Gymnasiallehrer dem Griechisch- und Lateinunterricht Tribut zollt. Also einer Domäne, die seit jeher nicht gerade für ihre Fähigkeit bekannt ist, sich mit der Gegenwart abzufinden.

Und – ein Schelm, wer Böses dabei denkt! – es fällt auf, dass der Philologenverband mit dem Konzept der Freien Wähler ebenfalls nicht einverstanden ist, in dem dieselbe Stundenzahl für neun Jahre vorgesehen ist wie bislang für acht.

Es dürfte hier also die Schaffung neuer Planstellen für die Lehrerschaft an den Gymnasien im Vordergrund stehen, weniger die angebliche Überforderung der Schüler; schließlich hört man ja zunehmend von Schwierigkeiten für Lehramtsanwärter bei der Übernahme in den Staatsdienst. Auch das verhängnisvolle Elitenunwort machte wieder mal die Runde.

Sicherlich, das abnehmende Bildungsniveau auch unter Akademikern in diesem Land ist ein Problem. Auch mir macht sie Angst.

Aber ehrlich gesagt – das kann man nicht allein mit ein paar zusätzlichen Schulstunden bewältigen. Wir sind Zeugen eines Kulturwandels: Wie auch schon in anderen Ländern der westlichen Welt vor uns wird auch bei uns Bildung immer weniger wert, wogegen der Sport mit seiner mächtigen Lobby zunehmend Prestige gewinnt. Dicke Muskeln sieht man, ein gut trainiertes Hirn hingegen nicht.

Wir brauchen also eine Korrektur dieser Verschiebung unserer kulturellen Werte. Wissen, Bildung und Interesse auch an „unwichtigen“ Dingen, die „nichts bringen“, muss wieder höher gewertet werden. Nur dann wird das allgemeine Bildungsniveau wieder steigen.

Was soll da die Rückkehr zum alten Leistungskurssystem nützen, wie der Philologenverband sie fordert? Das würde doch die allgemeine Auffassung stärken, dass Bildung nur dann etwas wert ist, wenn sie notenmäßig „etwas bringt“.

Genau diese Einstellung aber ist der Feind aller Kultur. Kultur ist eben nicht nur das, was nützt, sondern das, was über die simple Kosten-Nutzen-Relation hinaus „schön“ ist.

Genau das aber ist der Standpunkt des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, dessen Präsident Klaus Wenzel in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung bemängelte, dass die einseitige Konzentration auf reines Wissen auf Kosten der Bildung gehe.

Vielleicht kommen wir in den nächsten Jahren von der platten Diskussion „G8 versus G9“ weg und konzentrieren uns darauf, was wirklich wichtig wäre.

Ich würde es unseren geplagten Kindern, aber auch uns Erwachsenen, die mit ihnen leben müssen, wünschen.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team, Dr. M. Fritz!

 

 

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