Nur nicht aufgeben…

Zu den schönen Seiten im Beruf eines Nachhilfelehrers gehört es, die Veränderungen im Selbstbewusstsein seiner Schützlinge zu beobachten.
Gar nicht mal so selten stellt man während der Phase, in der der Schüler langsam Vertrauen zu seinem Mentor fasst und aus sich herausgeht fest, dass man da einen meist schon etwas älteren Jugendlichen ohne Träume für die Zukunft vor sich hat. Vom Leben wird nicht mehr allzu viel erwartet, und das in einem Alter, in dem junge Menschen sich buchstäblich alles zutrauen und davon ausgehen sollten, im Leben alles erreichen zu können.
Woran liegt das?
Meist viel zu spät gestehen sich Eltern ein, dass ihr Sprössling in Bezug auf seine Schulleistungen Nachholbedarf hat. Hinzu kommt, dass man die Kosten für gute Nachhilfe scheut. Also wird zuerst die billigste Lösung probiert. Das sind dann in der Regel gleichaltrige oder nur wenig ältere Mitschüler, Rentner oder Hausfrauen, die sich in erster Linie nur etwas Geld hinzuverdienen wollen und denen die nötige fachliche und didaktische Erfahrung fehlt.
Und schnell hat man schlechte Erfahrungen gesammelt. Sparsamkeit am falschen Ort, die sich nun rächt. Denn je länger die Erfolgserlebnisse ausbleiben, desto mehr frisst sich bei den Problemschülern die Überzeugung fest, dies müsse an ihrer mangelnden Begabung liegen. Im Fall der männlichen Jugendlichen kommt dazu noch ein verhängnisvoller kultureller Faktor: denn zunehmend wird Jungen ein Selbstbild vermittelt, das gute Schulnoten ausschließt. Jungen sind gut in Sport und Mädchen in allen anderen Schulfächern, so könnte man das Problem etwas überspitzt formulieren. Sollte an dieser leider auch oft von gewissen Kreisen des Lehrpersonals vertretenen Ansicht etwas dran sein? Ich frage mich da nur: Wie konnte sich unter diesen Umständen die Menschheit, die ja zumindest in den etwa 5000 Jahren schriftlich dokumentierter Geschichte Frauen von Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ferngehalten hat, je weiterentwickeln?
Aber auch Mädchen kommen nach einer langen Reihe anhaltender Frustration nach dem obigen Schema zu dem verhängnisvollen Schluss, den Anforderungen der Schule einfach nicht gewachsen zu sein. Gerade in einem Alter, in dem das Selbstvertrauen so wenig gefestigt ist wie in der zweiten Lebensdekade suchen junge Menschen den Grund für fehlerhafte Leistungen in erster Linie bei sich selbst. Und gerade diejenigen, denen man derartige Selbstzweifel am wenigsten zutrauen möchte, sind oft die Labilsten – leider bleibt das oft unbemerkt von Eltern und Lehrern, die dann noch mit zunehmender Verärgerung auf die trotzige Verweigerungshaltung der betreffenden Jugendlichen reagieren. Denn die haben irgendwann einfach die Flinte ins Korn geworfen und sich innerlich von der Hoffnung verabschiedet, jemals ein guter Schüler zu werden. Da angesichts zunehmender beruflicher Belastungen die Frustrationsschwelle auch bei Erwachsenen heutzutage immer weiter sinkt, findet man sich dann allzu schnell ab mit der vermeintlichen mangelnden Begabung – dabei hält man den ständigen Streit in der knapp bemessenen Freizeit einfach nicht mehr aus. Und hat man nicht immer alles getan was man konnte? Kurzum: der undankbare Sprössling wird irgendwann als „eher praktisch veranlagt“, „eben ein Junge“ oder schlimmstenfalls gar als „hoffnungsloser Versager“ abgestempelt, aus der Schule genommen und auf Schule mit niedrigerem Bildungsabschluss gesteckt. Dort setzt sich das Problem nach einer kurzen Atempause meist fort.
Der Schreiber dieser Zeilen hat in seinem Leben ziemlich viele Erwachsene kennen gelernt, die den Abbruch ihrer Schülerkarriere später bitter bereut haben. Oft genug hat die Überzeugung, einfach nicht gut genug gewesen zu sein, verhängnisvolle Folgen für ihr weiteres Leben gehabt.
Nach meiner praktischen Erfahrungen hätte das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber nicht sein müssen: Natürlich ist es zunächst nicht einfach, verkrustete Strukturen und festgefahrene Denkmuster aufzubrechen. Der Nachhilfelehrer muss seinem Klienten nicht nur den Lehrstoff vermitteln, sondern auch das Selbstvertrauen, kein Schulversager zu sein. Und das kann dauern. Doch das Ergebnis kann sich dann meist sehen lassen. Und was gibt es schöneres für das Selbstbewusstsein eines Teenagers als die Gewissheit, Schwierigkeiten überwunden und sich gegen Widerstände behauptet zu haben?

Herzlichst, Ihr ABACUS Team!

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