“Schaun ma mal…” vom Experimentierfeld Schule

Seit Jahren schon versichern uns Experten, dass Kinder und Jugendliche Kontinuität und Verlässlichkeit brauchen, um zu gefestigten und verantwortungsvollen Erwachsenen heranzuwachsen. Angesichts der derzeitigen Schulpolitik, die vom Hin- und Her geprägt ist, klingt das schon wie blanker Hohn. In Zeiten, in denen jeder politische Hinterbänkler sich mal kurzerhand am Erziehungssystem austoben darf, damit er auch mal was gesagt hat, und in denen die Entscheidungen z.B. pro oder contra G8 versus G9 meist vom Näherrücken der nächsten Wahlen bestimmt werden, haben es die Experten schwer. Jeder darf mal was dazu äußern, dann schaut man, was wahlweise beim Wahlvolk/bei der Wirtschaft/bei der Parteibasis am besten ankommt. Leider bleiben in solchen Situationen die  durchdachten Entscheidungen eher auf der Strecke.

Tatsache ist, dass nicht nur das Gymnasium seit Jahren einem Versuchslabor ähnelt. Es betrifft alle Schularten, und nicht nur die; Die Kinderbetreuung z.B. unterliegt den selben Mechanismen. Mal setzt sich diese Lobby durch, dann die andere. Die wechselnden Ansprüche und Wunschlisten der Fraktionen, denen der öffentliche Diskurs gerade wieder Gehör schenkt, führen zuweilen zu radikalen Kehrtwenden in der Bildungspolitik. Und mit großem Geschrei darf die Presse jedes Mal wieder Schlagworte unters Volk bringen, die den unvoreingenommenen Leser an die Parolen der maoistischen Kulturrevolution erinnern. Es drängt sich zunehmend der Eindruck der Kopflosigkeit auf…

Und die Kinder? Ich bezweifle, dass es noch wirklich um die geht. Eher sind sie ein bloßes Vehikel, ein Vorwand für jeden vom Karriereknick Bedrohten, um sich einmal mehr vorzudrängeln und seine eigene kümmerliche Randexistenz in Erinnerung zu rufen. Und wenn es sie nicht gäbe, die Kinder, man müsste sie wahrlich erfinden: man kann über sie reden statt mit ihnen, man kann sie für die eigenen Ziele vereinnahmen und sich doch den Anschein aufrechter Besorgnis geben, man kann mit Hinweis auf ihr Wohl den politischen Gegner mundtot machen. Kurzum: man kann alles mit ihnen machen, was man will, denn sie können sich nicht wehren. Und weil sie noch keine fertigen Erwachsenen sind, kann man ihre Meinung als dumm, uninformiert und unwesentlich abtun.

Wie lange soll das noch so weiter gehen? Als das G8 eingeführt wurde, überlegte man lange, an welchen Stellen man den Schulstoff verschlanken könnte – was angesichts der Kürzung der Schulzeit um fast ein Jahr die sinnvollste Maßnahme gewesen wäre.

Doch es kam so, wie es in unserer Zeit der zunehmenden Ressourcenverknappung immer kommt: Die verschiedenen Lobbyverbände – und in der Bildungspolitik gibt es die durchaus auch – heulten prophylaktisch auf, niemand wollte in seinem Ressort Einsparungen sehen. Natürlich wurde wieder gedroht mit Einbußen bei der Wettbewerbsfähigkeit der zukünftigen Jobbewerber, und das in der typischen hysterischen Form, die den nahenden Weltuntergang in greifbarer Nähe verortete. Und am Ende kam es wie immer: Das Ganze ging zu Lasten der Schwächsten, und das waren in diesem Falle die Schüler. Sollten doch die einfach mehr lernen!

Nun möchte ich all jenen widersprechen, die den G8-Schülern einen Mangel an sozialer Entwicklung und der Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit kategorisch absprechen. Solche Verallgemeinerungen sind m. E. genauso dumm wie die Aussage, dass sie besser ausgebildet seien als die Schüler des G9. Es ist nur so, dass der Druck größer geworden ist auf diejenigen, die den Anschluss an den Schulstoff verlieren. Das heißt, sie können sich entwicklungsbedingte Brüche in der Biographie zunehmend weniger leisten, ohne massive Auswirkungen auf ihr weiteres Leben befürchten zu müssen.

Es ist gut, dass verschiedene Bundesländer im Moment Möglichkeiten zu schaffen im Begriff sind, die mehr Raum für diese individuellen Prozesse schaffen. Ich fürchte aber, dass auch diese an sich sinnvollen Maßnahmen irgendwann in naher Zukunft wieder in Frage gestellt und dann abgeschafft  werden, sobald irgendeine Interessengruppe ihr Missfallen daran kundtut. Es wäre jetzt endlich einmal die Zeit, abseits des kurzlebigen politischen Tagesgeschäftes zu einem grundsätzlichen Schluss zu kommen: Was unsere Kinder wirklich brauchen, ist Kontinuität. Sie ist nämlich weitaus wichtiger für ihre Persönlichkeitsentwicklung als die Frage, ob sie ein dreiviertel Jahr mehr oder weniger zur Schule gehen müssen. Wenn sie ständig die Erfahrung machen, dass sie jederzeit als machtlose Objekte eines schulpolitischen wie gesellschaftlichen Hickhacks anderer Leute Versuchskaninchen sind, werden sie sicherlich nicht die selbstbewussten und in sich ruhenden Menschen, zu denen wir sie doch eigentlich alle machen wollen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *