Stressfreie Schule – Hurra?

Buchstäblich vom Winde verweht wurde meine persönliche Nachricht des Tages: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die heute veröffentlicht wurde, hat gezeigt, dass in Deutschland mehr als doppelt so viele Schüler schulisch absteigen als den schulischen Aufstieg schaffen. Und obendrein – und das war es, was sie für mich so aufschlussreich machte – waren es ausgerechnet diejenigen Bundesländer, in denen der Übertritt aufs Gymnasium am leichtesten gemacht wird, in denen sich auch die meisten Absteiger finden. Während das erste Bundesland bereits damit experimentiert, das Sitzenbleiben in Rücksicht auf elterliche Wohlfühlansprüche ganz abzuschaffen, scheinen gerade strengere Richtlinien für die Übertrittsempfehlung die zuverlässigsten Garanten für eine reibungslose Schulkarriere zu sein. Oder einfacher ausgedrückt: ist mein Kind wirklich für die jeweilige Schulform geeignet oder sehe ich da zu viel hinein?

Denn wie der Kinderpsychologe Michael Winterhoff in seinen wohlbekannten Büchern vielfach dargelegt hat, geht immer mehr Eltern die Fähigkeit verloren, ihren Nachwuchs aus einer gesunden Distanz zu betrachten. Das Kind wird nicht mehr als eigenständiges Wesen betrachtet, an dem auch Fehler auffallen können. Wie ein eigener Köperteil wird er ins Eltern-Ich integriert. Und hat damit zu funktionieren. Fallen aber verbindliche Übertrittsnoten auf elterlichen Druck weg – etwa, weil Bildungssenatoren gerne wiedergewählt werden möchten –, dann werden naturgemäß immer mehr Kinder in eine höhere Schule kommen, die die Voraussetzungen dafür gar nicht mitbringen. Und was wird daraufhin folgen? Irgendwann werden weitere Forderungen der Eltern dazu führen, dass auch die schrecklichen Schulnoten weg müssen. Denn schließlich stören sie die Harmonie der leistungstechnischen Gleichmacherei mindestens so sehr wie das Sitzenbleiben. Irgendein geriebener Erziehungsfachmann wird sich schon finden, der den notwendigen psychologisierenden Blödsinn vom Trauma schlechter Benotung als Auslöser für mannigfachen Ungemach zusammenfabuliert. Und sie werden ihm nachlaufen, all diejenigen, die schon lange eine Ausrede gesucht haben für etwas, hinter dem nichts weiter steckt als banale Unlust an der Auseinandersetzung mit dem eigenen Kind.


Nun ja, die oben erwähnte Studie dürfte solchen Bestrebungen erst mal den wohlverdienten Dämpfer verpasst haben. Denn wirklich hat die Bertelsmann-Studie gezeigt: gerade bei den bösen Bayern gab es als einzigem von allen Bundesländern mehr Bildungsaufsteiger als Bildungsabsteiger. Doch Vorsicht, Ihr Bayern: bevor wir jetzt alle selbstgefällig in eine bierselige Mir-san-mir-Mentalität verfallen, möchte ich den Erkenntnissen o.g. Studie etwas hinzufügen: in keinem anderen Bundesland wird so viel Geld in Nachhilfe investiert wie in Bayern. Das ist leider in den Untersuchungen nicht genügend berücksichtigt worden. Es reicht eben nicht, nur die besten künftigen Gymnasiasten oder Realschüler auszusieben und sie dann sich selbst überlassen. Man muss sie auch im Auge behalten, ihnen bei Bedarf Hilfestellung gewähren und sie dort abholen, wo sie Probleme haben.
Es fällt auf, dass unter denjenigen Bundesländern, deren Systeme am besten abgeschnitten haben, gerade die finanzstarken Länder im Süden der Republik waren. Denn dort haben die Eltern auch das meiste Geld zur Verfügung, um ihren Nachwuchs neben dem regulären Schulunterricht noch zusätzlich schulen zu lassen. Das ist zugegebenermaßen teuer, und nicht jeder kann es sich leisten. Aber wie man sieht, lohnt sich der Aufwand.

Herzlichst, Ihr Abacus Team/Dr. M. Fritz!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *