Umfrage unter Schülern entlarvt „Sitzenbleiber-Debatte“

Nachdem ja nun die ersten Bundesländer dem Druck der Eltern nachgegeben und das Sitzenbleiben abgeschafft haben, brachte eine Umfrage unter den eigentlich betroffenen, den Schülern, Verblüffendes zu Tage.

Die sprechen sich nämlich mit überwältigender Mehrheit für die Beibehaltung einer Möglichkeit des Sitzenbleibens aus. 85 % der Befragten waren der Meinung, dass diese Disziplinierungsmaßnahme notwendig sei, da sie die Leistungsbereitschaft belohne.

Laut Analyse des Vorsitzenden des Philologenverbandes, Heinz Peter Meidinger, widerstrebe es dem im jugendlichen Alter noch stark ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden, wenn unterschiedslos jeder weiterkomme, ob er nun etwas für die Schule getan hat oder nicht.

Genau das entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen mit den Schülern. Selbst diejenigen, die davon betroffen waren und eine „Ehrenrunde“ einlegen mussten, fanden das System richtig und gerecht.

Ich denke aber, dass das Sitzenbleiben viel zu sehr einseitig als „Strafe“ dargestellt wird – vor allem übrigens von den Gegnern dieser Maßnahme.

Denn was bedeutet sie eigentlich?

Nun, eigentlich geht es ja nicht darum, mangelnde Leistungen zu bestrafen. Es ist auch kein Überrest „schwarzer Pädagogik“, sondern eine Reaktion auf Missstände, die verbesserungsbedürftig sind. Oftmals liegen die Gründe für schulisches Versagen viel tiefer als nur in persönlicher Lernfaulheit. Der Mensch, bekanntlich ein soziales Wesen, ist immer auch Teil seiner Umgebung. Viele Schüler haben deshalb Probleme, weil sie in der Klasse einem sozialen Umfeld ausgesetzt sind, in dem ihre Leistungsbereitschaft aus verschiedenen Gründen schwächelt. Oft ist es z.B. bei einer Jungenclique in der Klasse nur eine Frage des Zufalls, wer gerade durchfällt oder nicht. Wenn man diese „Unruheherde“ im Klassenzimmer aufteilt – und das geschieht durchs Sitzenbleiben – verbessern sich die Noten sowohl der Sitzen gebliebenen als auch die der Vorrücker.

Wenn man nun aber mit den Abschaffungsbefürwortern gerade mit Rücksicht auf bestehende Cliquen und Freundschaften diese Mechanismen außer Kraft setzt, was passiert dann? Man verurteilt die Betroffenen, ewig im selben Dilemma zu verbleiben. Am Ende verlieren alle – die Leitung der gesamten Gruppe wird kontinuierlich schlechter.

Nochmals, es soll hier ausdrücklich betont werden: Es geht hier nicht um ein „Aussondern“ derer, die dem Notenschnitt nicht genügen. Es geht um eine zweite Chance.

Ich denke, das müssen wir alle uns wieder mehr vor Augen führen. Die spezielle Situation der Pädagogik in Deutschland in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, dass viele sinnvolle erzieherische und schulische Maßnahmen einseitig mit Strafe, Erziehung zur Obrigkeitshörigkeit oder Deformierung der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung in Verbindung gebracht wurden. Dabei wurde zuweilen auch übers Ziel hinaus geschossen. Wenn ich den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit des Scheiterns nehme, dann nehme ich ihnen aber auch wertvolle Chancen zur Entwicklung ihres Charakters.

Sie wollen sich miteinander und mit dem Leben messen, und dazu gehört eben auch die Gefahr des „Versagens“.

Gerade in diesem Kontext möchte ich daran erinnern, dass noch vor Kurzem, auf dem Höhepunkt der Debatte über jugendliche Komasäufer, namhafte Psychologen „Initiationsrituale“ für die unterforderte westliche Jugend gefordert haben. Das brauchen wir nun wirklich nicht, wenn wir den Betroffenen einfach ihre althergebrachten alltäglichen Initiationsprozesse lassen. So gesehen ist die schulische Herausforderung eine ganz gute Entsprechung zu den Initiationsriten außereuropäischer Stammeskulturen.

Und zuletzt: Denken Sie auch mal an diejenigen, die sich anstrengen. Sie selbst würden es vermutlich auch ungerecht finden, wenn Sie sich in der Arbeit aufreiben und ein anderer, der es sich gut gehen lässt anstatt zu arbeiten, genauso gut bezahlt wird. Wie fänden Sie das?

Herzliche Grüße, Ihr Abacus – Team/ Dr. M. Fritz!

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