Verständigungsprobleme…

Alle Jahre wieder… Nachdem die internationalen Studien IGLU und TIMSS in den bildungsfernen Schichten gravierende Probleme beim Spracherwerb ausgemacht haben, stehen die Schuldigen in Teilen der medialen Berichterstattung mal wieder fest: Die Ausländer.

Zu wenige Kinder kommen rechtzeitig mit der deutschen Sprache in Kontakt und werden abgehängt, während sich die Alteingesessenen nach Möglichkeit in separate Schulen davonmachen. Also eine Art umgekehrtes Integrationsproblem: Beklagten vor Jahren nicht nur populistische Politiker eine zunehmende Gettoisierung der hier lebenden Ausländer und Deutschen mit Migrationshintergrund, stellt man nun verwundert fest, dass die Tendenz zur Abschottung gegenseitig ist. Wetten, dass sich bald diejenigen, die früher bei jeder sich bietenden Gelegenheit in das Horn vom bösen, integrationsunwilligen Ausländer stießen, für die kontaktunwilligen Deutschen jede Menge mildernde Umstände ins Feld führen? Bestimmt werden die selbst ernannten Warner vor der „Abschaffung“ Deutschlands, die überall im Land ein Neukölln ausmachen wollen (hier in der Hallertau kann ich es jedenfalls nicht entdecken!), wieder Schauergeschichten zu erzählen wissen von deutschen Schülern, die von bösen Moslemkindern rassistisch unterdrückt werden oder an freier Religionsausübung aktiv behindert…

Die Realität sieht aber anders aus.

Fangen wir mal mit der angeblichen Christenverfolgung im Lande an. Wer von den Anwesenden kennt sich denn noch im Christentum aus? Gerade heute fiel mir eine Ausgabe der Zeitschrift „Funkuhr“ in die Hand, in der ich in einem kleinen Artikel über den Kirchenbesuch während der Feiertage den ausdrücklichen Hinweis entdeckte, dass man in der Messe üblicherweise nicht Beifall klatsche… und meine praktische Erfahrung zeigt mir immer wieder, dass meine katholischen und evangelischen Schüler kaum Ahnung vom Katechismus bzw. von der Bibel haben. Dafür werden dann im Schulunterricht Filme angesehen, die ungefähr so religiös sind wie der Papst Atheist ist. Nein, diese Gesellschaft braucht keine bösen Migranten, um ihre Kenntnis religiöser Bräuche zu verlieren. Aber dass man eine Minderheit verantwortlich macht für den Niedergang des Christentums, das hat in Mitteleuropa eine lange und traurige Tradition.

Kommen wir zum Vorwurf mangelhafter Sprachkenntnisse: Meine Güte, ist das wirklich nur ein Problem der Einwanderer? Ist es wirklich so, dass die paar Kinder und Jugendlichen, die man in einer Schule in der bayerischen Provinz findet, den schon immer da gewesenen 95%  den Spracherwerb verbauen? Doch eher nicht. Mir kommt es aber so vor, dass die Kenntnis selbst simpelster deutscher Wörter seit Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung verloren geht, und ich persönlich habe da ein weitaus näher liegendes Problem ausgemacht: Den zunehmenden faktischen Analphabetismus in der Gesellschaft. Das ehemalige Volk der Dichter und Denker ist längst zu einem Haufen Sportler und Spieler verkommen. Die  „Trimm-Dich-“ und „Bleib-Fit-Kampagnen“ der letzten Jahrzehnte haben zu einer einseitigen Überbewertung körperlicher Betätigung geführt, wobei das Lesen ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Wie soll man sich wohl sonst den rapiden Anstieg von attestierten Legasthenikern erklären? Oder die Tatsache, dass Lehrer heute schon froh sind, wenn Kinder und Jugendliche überhaupt etwas lesen, während man in den 80ern durchaus noch Wert darauf legte, WAS gelesen wird. Und in Zeiten, in denen der Buchmarkt von billigster Massenware überschwemmt wird, setzt das einen Teufelskreis in Gang, in dessen Verlauf schlechte Literatur (mit noch schlechterem Lektorat) schlechte Literaten hervorbringt, die dann wiederum noch schlechtere Literatur schreiben.

Die Verantwortlichen sollten endlich aufhören, Minderheiten für gesellschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen. Wir brauchen mutige Analysten, die sich nicht scheuen, Roß und Reiter zu nennen. Auch wenn das dem allgemeinen Bedürfnis nach seelischen Streicheleinheiten nicht entgegenkommt. Denn das Problem liegt bei uns selbst. Nur wer Verantwortung übernimmt, kann etwas daran ändern. Den schwarzen Peter den Schwächsten der Gesellschaft zuzuschieben ist unfair. Und es verhindert unbequeme, aber notwendige Reformen.

Herzlichst, Ihr Abacus Team!

 

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