Verwirrung um die Zeugnisnoten…

Jedes Halbjahr wieder kommt… die große Verwirrung. Nämlich dann, wenn die Eltern der Grundschüler versuchen zu enträtseln, worum es in den Zeugnissen eigentlich geht.

Das war jetzt auch dem „Focus Schule“ (Ausgabe 1/2013) einen kurzen Artikel wert.

Dort wurden exemplarisch einige typische Zeugnisbewertungen vorgestellt und „übersetzt“.

Nun ist das mit den Zeugnissen so eine Sache. „Zeugnisdeutsch“ für Erwachsene ist nämlich beileibe nicht dasselbe wie für Kinder im Grundschulalter.

Früher war das alles einfacher. Da gab es Noten, und die gaben Auskunft darüber, wo das Kind auf einer Skala von eins bis sechs steht.

Aber leider… so einfach ist das nicht mehr. Längst sind mancherorts gerade in den ersten Klassen die Noten abgeschafft worden. Und Lehrer sind obendrein angehalten, die Anmerkungen in keiner Weise als „maßregelnd oder herabsetzend“ abzufassen.

Mit anderen Worten: Jetzt müssen halt die Eltern sich zurechtlegen, was um Himmels Willen der Pädagoge eigentlich meint.

Allerdings ist es unangebracht, sofort dem Pawlowschen Reflex der Lehrer- und Schulschelte nachzugeben. Die Schuld müssen sich die Eltern hier nämlich selber geben. Sind es doch ihre eigenen Forderungen, die von auf Wiederwahl bedachten Bildungspolitikern umgesetzt worden sind. So ist gerade in Hamburg der Posten des Schulsenators als Schleudersitz bekannt, und nur ein Amtsmüder käme auf den Gedanken, sich den teils mit an Militanz grenzender Vehemenz vorgetragenen Elternwünschen zu widersetzen.

Es liegt an der Wohlfühlmentalität der vergangenen Jahre, dass die lästige Benotung vielerorts verbannt wurde. Zu störend wird die harte Realität empfunden. Da ist es nur eine logische Folge, dass auch das Sitzenbleiben in einigen Bundesländern nicht mehr möglich sein soll.

Machen wir uns nichts vor: Es geht doch nicht ums Kindeswohl. Denn zum Wohl des Kindes sollte man es frühzeitig unbedingt an die Realitäten des Lebens heranführen. Und die lauten nun mal: Wer nicht den Anforderungen entspricht, bleibt auf der Strecke. Gerade in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren. Aber: Hier regelt sich der Markt selbst. Und der Markt, also die Regeln von Angebot und Nachfrage, gehorcht dem Elternwillen. Ich mutmaße, dass hier auch eine zunehmende Tendenz sichtbar wird, die eigenen Kinder zu idealisieren.

Und gerade bei den Zeugnisbemerkungen kommt das besonders zum Tragen. Die verklausulierten Sätze sind nur dann entwirrbar, wenn ich bereit bin anzuerkennen, dass mein Kind vielleicht vom Lehrer nicht so gesehen wird, wie ich es gerne hätte.

Satzbausteine wie „Bemühte sich…“ heißen nicht, dass das Kind ein Wunderkind ist. Aber wenigstens auch nicht, dass es faul war: Es hat sich ja immerhin bemüht.

Wird vermerkt, dass der Sprössling nicht mühelos oder selbstverständlich die Zahlen bis 100 beherrscht, bedeutet das eben nicht, dass hier ein Naturtalent in Mathe am Werk ist.

Der beste Helfer für Eltern beim Verständnis des Zeugnisses ist, wie überall im Leben, eine ausgeprägte Bereitschaft zu einer realistischen Sicht der Dinge: Wenn mir der Arzt sagt, dass es jetzt höchste Zeit zum Abnehmen ist, verstehe ich das ja auch nicht als Aufforderung zum Weiteressen.

Das würde einem zumindest die lästigen Recherchen ersparen, was der Lehrer eigentlich gemeint hat mit „die kleine Leonie war nicht immer erfolgreich bemüht, auch die Zahlen im Hunderterbereich zu erfassen“.

Mittlerweile gibt es ja schon Forderungen, die freie Wortwahl im Interesse der Eltern auf feste Formulierungen einzuschränken.

Genau das aber bedeuteten eigentlich die abgeschafften Schulnoten.

Vielleicht wäre es im Interesse aller Beteiligten – Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen –  tatsächlich das Einfachste, sie wieder einzuführen.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team!

 

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