Von alten Sachen und neuen Gewändern…

Das hab ich mal wieder davon. Lachanfall. Schrecklich. Kommt vom Lesen. Was mich eben so amüsiert hat, ist zu finden in einem Bericht über ein Experiment auf der Buchmesse (LINK: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/hightech-im-klassenzimmer-jede-stunde-so-furchtbar-a-860594.html ). Da durfte eine Schulklasse das „Klassenzimmer der Zukunft“ ausprobieren – alles hoch technisiert, vercybert, hochmodern. Also mal wieder so eine klassische Situation, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Generationen geradezu provoziert. Die Kinder waren natürlich hellauf begeistert. Der Lehrer eher nicht. Denn die neueste, innovative Technik des Lernens stellt genau das in Frage, was für die Progressiven von Gestern Avantgarde war – und was seit seiner weiträumigen Einführung im deutschen Schulalltag zu einer Art heiligen Kuh derer geworden ist, die sich zum Urteil über die Richtigkeit von Erziehungsmethoden berufen fühlen.


Ich zitiere hier aus dem Artikel von Sandra Trauner einen Lehrer Herrn Rech von der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, dessen Klasse das Vergnügen hatte, die neuen Lernmodule zu testen: “Gerade an unserer Schule legen wir viel Wert auf selbstständiges Lernen, auf Praktisches, auf Rausgehen.”; er äußerte sich unzufrieden über das Experiment, eben weil dann all das auf der Strecke bleibt, wenn die Kinder nach vorne auf einen Monitor schauen. Was mich dann aber daran richtig amüsierte, war der Schlusssatz des vorletzten Absatzes, das könne am Ende ja gar zur Wiedereinführung des Frontalunterrichts führen. Ja, ja, der gute alte Frontalunterricht… was um alles in der Welt war eigentlich so schlecht daran? Irgendwann einmal entdeckte irgendein revolutionärer Geist, dass die Schüler alle total verblödet waren, weil sie mit dem Gesicht nach vorne in den Bänken mit Blick auf den Lehrer da saßen anstatt ihre Aufmerksamkeit von diesem weg und einander gegenseitig zuzuwenden. In diesem lichtvollen Moment der Bildungsgeschichte sollten endlich einmal alle schlechten Angewohnheiten ein Ende nehmen, die das Schulwesen bis dahin so unerträglich gemacht hatten. Aus geknechteten, unterdrückten und verschüchterten Prügelkindern wurden nun selbstbewusste, kreative Bildungsstaatsbürger mit Freude am Lernen. Nun, da die falsche Blickrichtung das natürliche Genie nicht länger an der Entfaltung hindern konnte – der Lehrer stand ja nun nicht länger im Weg! – mutierten unsere Schüler allesamt zu Wunderkindern. Ironie on. Wir hören ja tagtäglich von den Erfolgen dieser Methode. Ironie off.
Und nun kommt die böse Technik und macht das alles zunichte.
Der Verfasser des vorliegenden Blogbeitrages bekennt sich dazu, noch nach den albernen alten Grundsätzen die Schulbank gedrückt zu haben, wobei sein Gesicht (und damit auch seine Aufmerksamkeit) in erster Linie dem Lehrer zugewandt war. Auch im Studium lernte ich bei Professoren, die meist noch der alten Schule angehörten und erwarteten, dass der Dozent VORNE saß und die Studenten ihm frontal gegenüber. Geschadet hat es mir glaube ich nicht – sicher kann ich es nicht sagen, da ich ja das Gegenbeispiel schuldig bleiben muss. Nur… das müssen die Gegner dieser Methode ebenfalls.
Aber vielleicht sollten wir ja auch mal die Kinder fragen, wie es ihnen beim – ich muss mal eben einen hippen Anglizismus benutzen! – „ex-cathedra teaching“ gefallen hat? Gerade die Anhänger der u-förmigen Sitzanordung im Klassenzimmer sind doch an sich eifrig darauf bedacht, das Kind und seine Bedürfnisse mit einzubeziehen. Ich erinnere mich an Leute, für die eine Erziehungsmethode nur dann ihre Berechtigung bewiesen hatte, wenn der Erzogene (also das Kind) voll und ganz zufrieden damit war. Frei nach dem Motto… „Wie möchtest Du´s denn haben?“. Was aber muss ich in dem oben genannten Artikel lesen? Formulierungen wie „Der Lehrer sucht nach Skepsis in den Gesichtern seiner Schüler. “Wird das mit der Zeit nicht langweilig?”, fragt er Paul.“, oder „am Ende einigen sie sich auf einen Kompromiss“ in Bezug auf den Bildschirmunterricht! Verwundert reibe ich mir die Augen. Denn solche Zeilen zeigen mir, dass bei allem Verständnis gegenüber kindlichen Mitsprachewünschen letztendlich doch auch wieder nur die Ansichten des Lehrers zählen. Auch wenn der sicherlich nicht dem abscheulichen Frontalunterricht anhängt. Dass die Kinder von heute ganz andere Einstellungen zu den neuen Medien an den Tag legen als wir Erwachsenen, bleibt letztlich außen vor. Und so tut sich am Ende auch der fortschrittliche Erwachsene von gestern schwer, das Kind von heute zu verstehen.

Ihr Abacus Team!

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