Babylonische Sprachver(w)irrungen

Einer von vielen sumerischen und akkadischen Texten, die biblischen Erzählungen als Vorlage gedient haben, ist die von der Sprachverwirrung. Es lohnt sich, sie sich unabhängig von der biblischen Variante genauer anzusehen, denn fast immer gibt es bei diesen Texten kleinere oder größere Abweichungen, die zu ganz anderen Schlüssen führen. Doch hier wie dort ist es die Sprache, die ein Schlüsselmoment der Geschichte bildet: Um die Menschen zu entzweien, gibt es auf einmal mehrere statt nur eine einzige. Und seither streiten die Menschen und führen Krieg gegeneinander. Sprache ist eben nicht nur Sprache, sondern Identitätsgefühl, und bei dem wird ein Mensch empfindlich.
Wenn ich mir die Nachrichten der letzten beiden Wochen so ansehe, komme ich nicht umhin dem Autor der altorientalischen Legende Respekt für seine tiefe Menschenkenntnis auszusprechen…
Da kocht nun schon tagelang der Ärger um ein paar recht dumme Statements von Herrn Thierse, während ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung gar von einer Diskriminierung der bayerischen Sprache zu berichten weiß (LINK: http://www.sueddeutsche.de/bayern/mundart-als-anlass-fuer-diskriminierung-deutsch-koennen-nur-die-anderen-1.1561015 ). Das Lesen beider Nachrichten in ein und derselben Woche verwundert nicht weiter: Tatsächlich möchte man als Bayer Herrn Thierse fragen, ob er sich in gleicher Weise am seit Jahrzehnten stetig voranschreitenden Aussterben des Bayerischen genauso stört wie an der „Überfremdung“ seines Berliner Kiezes durch süddeutsche Zuwanderer?
Ich erinnere mich noch gut: während meiner Grundschulzeit durfte in der Dorfschule, die ich damals besuchte, nur Hochdeutsch gesprochen werden. Unsere Lehrerin, eine liebevolle und herzensgute Pädagogin, war vermutlich an die Vorgaben aus dem Kultusministerium gebunden. Sobald also einer meiner ausschließlich Dialekt sprechenden Klassenkameraden sich zu Wort meldete, wurde er beschieden, „es jetzt noch mal richtig zu sagen“. Der Effekt, der eintritt, wenn man einem Kind vermittelt, es spreche „falsch“? Nun, in meiner damaligen Klasse zogen sich die meisten der betroffenen Schüler nach und nach vom Unterricht zurück, und so schafften den Übertritt ans Gymnasium von uns allen nur eine einzige Klassenkameradin und ich – wir beide stammten aus Familien, in denen Hochdeutsch gesprochen wurde. Ähnliches habe ich im späteren Leben immer wieder gehört, wenngleich auch in anderen Ländern und zu teilweise anderen Zeiten: sei es bei den Kurden, denen während der versuchten Zwangstürkisierung durch die Regierung in Ankara lange Jahre die Benutzung ihrer Muttersprache verboten war, oder bei den nordamerikanischen Indianern, denen man in der Schule den Mund mit Seife auswusch, wenn sie kein Englisch sprachen. In beiden Fällen führte die Maßnahme zur Entstehung benachteiligter Minderheiten und zur Zementierung von Machtverhältnissen, die stets im Interesse der Sprecher der dominierenden Sprache waren.
Das Thema Sprache als Identität stiftendes Merkmal ist also heute so aktuell wie je zuvor. Unterdrückt oder kritisiert man sie – nicht nur im Umgang mit Kindern – unterdrückt man ihren Benutzer. In Zeiten, in denen man sich mit anderen Meinungen zunehmend nicht mehr inhaltlich, sondern auf dem billigen Wege des Shitstorms und des Lächerlichmachens auseinandersetzt, ist das Bekritteln der Aussprache oder abweichender Dialektwörter ein bequemes Machtinstrument geworden, um den Gegner mundtot zu machen, herabzuwürdigen oder verächtlich zu machen. Gerade bei meinen Schülern in Freising habe ich das immer wieder beobachten können: Sei es, dass sie selbst als Sprecher von Dialekten ausgegrenzt wurden, sei es, dass sie selbst sich über andere aufgrund ihrer sprachlichen Identität mokierten.
Es ist doch peinlich: Zehn Jahre lang waren wir das vereinte Europa, doch kaum wird das Geld knapp, brechen auf allen Seiten vergessen geglaubte Vorurteile und Ressentiments auf. Und nun beginnen sie auch innerhalb der ohnehin längst überholten Nationalstaaten, aufeinander loszugehen. Was das für die Zukunft eines Landes bedeutet, das sich selbst als Bundesrepublik gerade auch verschiedener Sprachgebiete definiert, mag sich der Leser selbst ausmalen.
Aber es gibt auch einen Ausweg: seien wir doch alle miteinander mal ein bisschen toleranter. Ist es wirklich so schwierig, sich in eine ungewohnte Aussprache (denn mehr ist ja in der Regel von unseren Dialekten nicht übrig geblieben) hineinzuhören? Notfalls kann man ja mal höflich nachfragen.
Letztendlich sollte es in einer pluralistischen Gesellschaft wichtiger sein, WAS der andere zu sagen hat, als WIE er es sagt.

Herzlichst, Ihr Abacus – Team!

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