Freising: Tollwood & Co: Wir fressen uns zu Tode

Es gibt Situationen, in denen man merkt, dass man alt wird: Wenn man z.B. auf dem Tollwood steht und sich zurückerinnert an das erste Mal dort. Und dann bemerkt, dass man damals noch sehr viel jünger war. Mittlerweile ist man alt. Man sieht der unternehmungslustigen Schar mehr zu, als dass man ein Teil von ihr ist. Auffallend viele junge Familien sind dort. Die waren doch früher nicht so zahlreich? Selbst die wenigen, die noch immer ihre Rastafrisuren tragen, schieben mittlerweile Kinderwägen in den jamaicanischen Staatsfarben herum, und die an den Klamottenständen gibt´s die Ökohemden made in Nepal mittlerweile auch schon in Kindergrößen – da kann der Papi mit dem Sohne im Partnerlook einherstolzieren. Am Wochenende, denn unter der Woche trägt Papi dann doch eher den Einheitslook wahlweise der Informatik- oder der Kreativbranche.

Tja, was soll´s, wir alle werden älter.

Als Nächstes fällt einem auf, dass sich die Zusammensetzung des Angebotes gefühlt verändert hat. Hat es früher wirklich schon hauptsächlich Fressstände gegeben? Ich erinnere mich noch gut an meine alte, ausgeflippte Freundin Jeanette, die große Teile ihrer psychedelischen Wohnungseinrichtung auf dem Tollwood erworben hatte. Heute würde sie  wohl in einer reichlich leeren Wohnung residieren anstatt inmitten quietschbunter Opulenz.

Stattdessen: Wir fressen uns zu Tode. Ausnahmsweise belegen übrigens auch die Statistiken meinen Verdacht: Es steht nicht gut um unsere Kinder. Immer mehr Übergewichtige und Diabetiker besuchen bereits unsere Grundschulen.

Ärzte und Wissenschaftler warnen immer lauter vor den schweren Folgen dieses Trends.

Wenn ich allerdings unterwegs bin, sei es beim Einkaufen, sei es in der Stadt, wundert mich das nicht mehr. Bei einem kurzen Blick in den Einkaufswagen meiner Miteinkäufer oder an der Kasse verrät mir, dass Gemüse und Obst immer häufiger in den Regalen bleiben. Stattdessen füllen Fertiggerichte die Einkaufswägen und –Körbe. Anscheinend will sich kaum einer noch die Mühe machen, sein Essen selbst zuzubereiten.

Was ich schon fast amüsant finde, wenn ich den Trend zu immer teureren Küchen bedenke. Aber offensichtlich werden die dann nicht benutzt. Kaufen am Ende manche Leute ihre Küche wie ihre Autos, nämlich nach dem Wiederverkaufswert?

Dass es schwierig wird, angesichts einer Ernährung mit industriell vorbereiteten Gerichten noch den Überblick über die Zusammensetzung der Ernährung zu behalten, liegt auf der Hand; Tatsächlich gibt es auch hier bei uns, inmitten des Überflusses einer hoch entwickelten Gesellschaft, Kinder mit Mangelsymptomen. Denn die Industrie stellt ihre Gerichte anders zusammen als eine ernährungsbewusste Hausfrau: Da geht es nicht in erster Linie um die Gesundheit der Familie, sondern um Geschmack – und der wird nun mal vorrangig mit den Gesundheitskillern Fett und Zucker erreicht. Die Zeitersparnis beim Kochen büßt man dann an anderer Stelle mit dem Gang zum Arzt.

Übrigens leidet auch die Lebensqualität beim Essen. Man kann doch das Essen gar nicht mehr richtig genießen, wenn man Einkauf, Vor- und Zubereitung der Rohstoffe und liebevolles Abschmecken entbehren muss. Wenn ich ein Fertiggericht in der Mikrowelle aufwärme, entbehre ich alles, was ein richtiges ESSEN von lediglicher Nahrungsaufnahme unterscheidet. So, wie ein Sonnenaufgang eben auch mehr ist als nur das von der Erdrotation verursachte scheinbare Aufsteigen eines glühenden Gasballes über den Horizont.

Der Trend zum Sich-den-Magen-Vollschlagen setzt sich dann fort bei Dorf-, Stadt-, Volks- und sonstigen Festen (wie z.B. Mittelaltermärkten, Tollwood etc.), wo wir mittlerweile gar nicht mehr zum Schauen oder Einkaufen hinfahren: Das alles gibt es ja ohnehin anderswo im Internet billiger, größer, besser. Also schlagen wir uns auch dort die Bäuche voll. Und da die Kosten für einen Verkaufsstand horrend sind, verschwinden die guten alten Basarstände unaufhaltsam von den Festplätzen und werden von noch mehr Fressständen und noch mehr Delikatessenbuden ersetzt. In Umkehrung eines oft zitierten politischen Statements kann man mittlerweile sagen: „Ich kann gar nicht so viel kotzen, wie ich fressen möchte!“.

Es scheint jedoch so, als ob jeder Trend auch sein Gegenteil bereits in sich trüge: Denn gleichzeitig boomen die Fitnesscenter, und vor allem Jugendliche treiben immer mehr Sport. In dieser Gruppe ist auch ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein zu beobachten. So sinkt der Anteil der Raucher in dieser Altersstufe konstant seit Jahren kontinuierlich ab.

Vielleicht sind unsere Kinder einfach nur übersättigt.

 

Herzlichst, Ihr Abacus Team/Dr. M. Fritz!

 

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