Gebt uns die Kopfnoten zurück!

Mecklenburg-Vorpommern führt die Kopfnoten wieder ein. Kennen Sie die noch? Noten für Betragen, Mitarbeit, Sorgfalt. Hört sich ziemlich reaktionär an, meinen Sie? Weit gefehlt, denn diese Tugenden werden gerade heute wieder zunehmend wichtig genommen: Nur dass man sie jetzt – im Trend der Zeit – nicht mehr mit ihren alten, irgendwie nach preußischem Kommiss klingenden Namen bezeichnet, sondern als „social skills“ oder – dann doch wieder  eingedeutscht – Sozialkompetenz.

Um nichts anderes handelt es sich nämlich dabei: Sozialverhalten dem Lehrer und den Mitschülern gegenüber, Mitarbeit im Unterricht und die Fähigkeit, Ordnung zu halten.

Denn die Zeit der Soziopathen ist vorbei, sowohl in der Schule als auch im Berufsleben. Immer mehr Firmen achten mittlerweile wieder darauf, ob der Bewerber auf eine freie Stelle teamfähig ist und mit seinen Kollegen zusammenarbeiten kann. Nicht mehr der einsame Wolf ist jetzt das Ideal der Arbeitswelt, sondern das Erdmännchen. Haben Sie sich schon mal gefragt, weshalb allerorten diese scheußlichen Erdmännchenfiguren aus Kunststein angeboten werden? Der Verschwörungstheoretiker in mir sagt sich: Damit wir unser neues Vorbild buchstäblich ständig vor Augen haben – zumindest der Kitsch liebende Teil der Bevölkerung. Das funktioniert so ähnlich wie ein Totem: Der Mensch stellt sich einen Kultpfahl auf und hofft, dass sich die Fähigkeiten des Tieres auf ihn übertragen. Zur Untermauerung meiner These erinnere ich daran, dass man in den 80er und frühen 90er Jahren, zur Hochzeit der Yuppiebewegung, bei dekorationsverwirrten Zeitgenossen in der Regel auf Wölfe und Drachen stieß – also auf die unbeugsamen Einzelgänger. Später waren es dann Kühe und Enten – der Arbeitnehmer als Nutztier, das kommt einem doch bekannt vor. Nun also das Erdmännchen. Aber warum von allen Gruppentierchen ausgerechnet die? Nun, Ameisen und Termiten hatten wahrscheinlich nichts Nettes an sich, die wollte keiner kaufen und noch weniger als Identifikationsfiguren. Wespen sind einfach nur eine lästige Plage, und Bienen assoziiert der informierte Zeitgenosse nur noch mit dem Bienensterben. Wer will schon einer aussterbenden Spezies angehören? Das ist weder cool noch lustig.

Nun also, von den Erdmännchen wollen wir lernen, selbstlos und brav zusammenarbeiten zum Wohle eines übergeordneten, höheren großen Ganzen. Das müssen wir auch, denn wenn der ein oder andere Lohnempfänger am Ende des Monats auf seinen Gehaltszettel schaut, dann muss er sich schon sehr mit seinem Arbeitgeber identifizieren, um seine Arbeit noch weiter zu machen.

Aber zurück zu den Kopfnoten: Ich gebe zu, so schlecht finde ich es nicht, dass neben reinen Lernfächern auch die soziale Kompetenz bewertet wird. Denn wir haben tatsächlich ein Problem mit der zunehmenden Verwahrlosung unserer Jugend. Diesem Trend entgegenzusteuern, kann ich nur begrüßen. Und wie sollte das anders gehen als mit ganz konkreter Benotung? Denn für Eltern und Kinder zählt das, was zum Notendurchschnitt beiträgt. Sonst sind Bemerkungen über das Verhalten oder die Arbeitsmoral nichts weiter als ein paar bedeutungslose Floskeln, die am Jahresende schmunzelnd gelesen und bestenfalls mit mitleidigem Kopfschütteln quittiert werden. Fließt das Verhalten aber in die Gesamtbeurteilung ein, werden die Werte von Rücksichtnahme, Ordnungssinn, Höflichkeit und Freundlichkeit wieder ernst genommen.

Aber bitte nicht nur in der Schule.

Denn besser als Benimmnoten sind vorgelebte Werte. Wie wäre es? Sollen doch auch mal die Chefs der börsenorientierten Unternehmen oder unsere Finanzberater wieder mal nach den Werten von Anstand, Moral und Fairness arbeiten? Und ihre Boni richten sich dann neben reinem Profit auch nach ihren sozialen Kompetenzen den Kunden und Angestellten gegenüber? Die würden davon ebenso konkret profitieren wie die Gesellschaft an sich.

Aber es ist wohl einfacher, von den Schülern durch Notendruck zu erzwingen, was wir selbst längst nicht mehr zu leisten bereit sind…

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