Auf der Suche nach dem inneren Kind…

Während immer mehr Kinder immer früher „erwachsen“ sein wollen, suchen immer mehr Erwachsene nach ihrem „inneren Kind“. Ist ja vielleicht auch pflegeleichter; ich wette, so ein Intro-Balg macht nicht einen Bruchteil so viel Schmutz, Ärger und Sorgen wie die echten Kinder. Und das Problem fehlender Kita-Plätze stellt sich auch nicht: es ist ja immer und überall dabei.
Bevor jetzt die Esoteriker mit Nerdmiene und erhobenem Zeigefinger auf die Barrikaden springen: Ich weiß schon, dass die Suche nach dem „inneren Kind“ anderen Motiven entspringt. Ursprünglich aus der daoistischen Philosophie Chinas stammend, hat sich dieses Mythologem im Laufe der letzten Jahre auch im Westen immer mehr ausgebreitet. Mittlerweile, bedingt durch zahlreiche Umdeutungen und Neuinterpretationen in der Psycho- und Esoterikkultur, ist es nicht mehr wieder zu erkennen. Es würde jedoch den Rahmen dieses Blogs sprengen, auf dieses Phänomen genauer einzugehen.
Was allerdings auffällt: Die enorme Sehnsucht, die Erwachsene nach ihrer Kindheit zu haben scheinen. Das wundert mich. Hier scheinen wohl in erster Linie idealisierte Erinnerungen an die eigene Kinderzeit im Spiel zu sein. Denn wenn man das moderne Kinderleben ansieht, ist es nichts, was man selber haben möchte. Oder sagen wir besser: Es hat sich dem Erwachsenenleben bereits so angepasst, dass es sich in den wesentlichen Punkten kaum noch davon unterscheidet.
Da ist zum Beispiel der übervolle Terminkalender: manche Kinder haben einen so sorgfältig durchgeplanten Tagesablauf wie der Manager eines Großkonzerns. Ich habe schon erlebt, dass sich auf der Suche nach einem geeigneten Termin für die Nachhilfestunde nur ein winziges Zeitfenster bot, das dann auch ohne die geringste Abweichung ausgenutzt werden musste. Für unvorhersehbare, aber alltägliche Verzögerungen wie leichte Verspätungen durch Verkehrsstaus etc. blieb in dem ganzen Tagesplan einfach kein Platz.
Das sind bedenkliche Anzeichen einer fortgeschrittenen Überforderung der Kinder.
Und dieses Kindsein darf dann auch nur noch in bestimmten Nischen stattfinden: also in der festgelegten „Spielstunde“ mit einer ausgebildeten Pflegerin (die Mutter hätte sich wohl schnell überfordert gefühlt, wenn sie mit ihrem Nachwuchs etwas allein unternehmen müsste?), im Kursprogramm „Kinder“ der Musik- oder Ballettschule, des Reitunterrichts, diverser Logo-/Ergo- und sonstiger „Päden“. Hauptsache, es kümmert sich ein Fachmann drum, das gibt einem das wohltuende Gefühl, das Kind nicht einfach bei einem Fremden geparkt zu haben, sondern nur das Beste für es getan zu haben. Das Wichtigste wäre es eigentlich, für seinen Sprössling da zu sein, wann immer er jemanden zum Reden braucht. Viel zu viele Erwachsene denken, dass die Probleme, die ein Kind als solche wahrnimmt (also wohlgemerkt nicht die, die die Eltern sehen – denn deren Sichtweise ist oft mehr vom Wettbewerbsdenken und dem ständigen Vergleich mit dem Nachwuchs von Freunden, Nachbarn und Verwandten bestimmt), nicht „klein“ und damit „unwichtig“ sind, nur weil es ein kleiner Mensch ist. Für Ihr Kind wird das, was es als Schwierigkeit empfindet, nicht weniger schlimm sein als Sie Ihre eigenen Probleme wahrnehmen. Und wenn Erwachsene so weit sind, dass sie sich nicht mehr in die Kleinen hineinversetzen können, haben sie den Kontakt zu ihnen bereits verloren. Zurück bleibt das Kind als unbekanntes Wesen. Und da wundern wir uns über die große Zahl emotional verarmter und unglücklicher Erwachsener? Die oft schon als Jugendliche psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen?
Machen Sie doch mal die Probe aufs Exempel: gehen Sie mal in irgendeinen Kurs, in dem ein Kursleiter Sie in irgendeiner Weise wieder auf Ihr Kindsein zurückwirft. Ganz gut dafür sind Sporttherapien geeignet. Dort geht man gern davon aus, dass Sie noch nicht mal gelernt haben, sich richtig zu bewegen, also „gar nichts können“. Die meisten dieser Fitnesstrainer sind obendrein genau der Typ „Alphamännchen“ (noch schlimmer sind die „Alphaweibchen“…), die ihre Mitmenschen gern maßregeln und gängeln. Zudem endet ihr geistiger Horizont in der Regel an der Tür ihres Fitnesscenters. So jemand wird sich auf jede Gelegenheit stürzen, seine Mitmenschen zu entmündigen und Sie ganz schnell wie ein Kind behandeln: Sie werden sagen können, was Sie wollen – er hört Ihnen nicht wirklich zu. Was vom erlernten Schema der Trainerausbildung abweicht, kann und darf nicht sein. Damit liegt der schwarze Peter bei Ihnen, der ja als „Kind“ nicht mehr ernst genommen werden muss. Das ist ziemlich exakt die Art und Weise, in der viele Erwachsene mit Kindern umgehen. Kein Wunder, dass die diesen schrecklichen Lebensabschnitt so schnell wie möglich hinter sich lassen möchten. Fazit: Die Kinder werden immer erwachsener, und die Erwachsenen immer kindischer.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

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