Ein Psychologe zum Betreuungsgeld…

Nachdem nun das Betreuungsgeld beschlossen ist, reißen die Diskussionen darüber dennoch nicht ab. Schon zuvor wurde viel darüber debattiert. Hintergrund ist, jene Eltern zu unterstützen, die sich in den ersten Lebensjahren in Vollzeit um deren Sprösslinge kümmern. Monatlich werden seitens des Staates 150,00 € geleistet. Der Berliner Psychologe Kazim Erdogan äußerte sich nun in einem Interview dazu und brachte ein paar interessante Gegenargumente ans Tageslicht.

Zunächst einmal stellt er heraus, wie wichtig vorschulische Erziehung für Kinder sei. Kinder, die schon früh in Krippe und Vorschule geschickt würden, erbrächten später bessere schulische Leistungen. Natürlich ist Kommunikation für Heranwachsende sehr wichtig und auch die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen Kontakt zu pflegen. Doch geht damit nicht ein Stück Familie verloren? Sind nicht die ersten Lebensjahre entscheidend für die Bindung an die Eltern? Entscheidend ist, dass für Kinder ein intaktes Elternhaus sehr wichtig ist. Erst wenn sie diesen Rückhalt verspüren, können sie ‚loslassen’ und besser auf Andere zugehen. Doch für dieses Bewusstsein sind schon ein paar Jahre vonnöten. Somit könnte die Befürchtung naheliegen, man greife zu früh in diesen Findungsprozess ein. Natürlich ist das Argument des späteren schulischen Erfolgs eines, das Eltern aufhören lässt. Doch scheint das schon als erster Schritt hin zur viel zitierten ‚Leistungsgesellschaft’. Und davor sollten Kinder doch so lange wie möglich bewahrt werden, oder? Insofern sollten Eltern überlegen, die ersten Jahre der Erziehung vielleicht doch selbst zu übernehmen, wodurch das Betreuungsgeld für sie in der Tat eine finanzielle Erleichterung darstellen kann. Erdogan untermauert sein Gegenargument allerdings damit, dass viele der sozial benachteiligten Familien, mit denen er arbeitet, die Philosophie haben, dass es deren Kindern einmal besser gehen solle. Daher heiße die Devise: „Bildung, Bildung, Bildung“. Ist ein besseres Leben tatsächlich nur durch das frühe gemeinsame Lernen möglich?

Als weiteres Argument gegen das Betreuungsgeld, also gleichzeitig dafür, dass Kinder schon früh in Kindergrippen o.ä. geschickt werden sollten, fügt der Psychologe an, dass dies gegenläufig zu dem Image ist, das sich Frauen aufbauen wollten. Weg vom heimischen Herd, hin zur Karriere, so sehen sich Viele heutzutage. Und das ist ja auch in Ordnung so. Doch sieht der Psychologe darin ein wenig die Gefahr, dass dieses Image wieder ins Wanken gerät und Frauen tatsächlich durch das Betreuungsgeld an den sprichwörtlichen heimischen Herd zurückgeschickt werden.

Seine Befürchtung ist, dass durch die Einführung des Betreuungsgeldes eine zwei-Klassen-Gesellschaft entstehe. Gerade Zuwandererfamilien würden da stigmatisiert werden, da sie wohl vermehrt auf das Betreuungsgeld angewiesen sein werden. Somit kämen einige Kinder erst Jahre später in eine Kita, ohne vorher konkret gelernt zu haben, sich anzupassen. Darin sind ihnen dann Andere wieder voraus. Darüber hinaus spricht er an, wie wichtig der Kontakt zu Muttersprachlern schon im frühen Alter ist. Nicht nur was die Kultur anbelangt, sondern in erster Linie auch die sprachlichen Defizite, die ggf. existieren. Erdogan befürchtet, „[...] dass wir bald wieder eine Diskussion um misslungene Integration führen müssen“. Und das möchte er nicht noch einmal erleben.

Sicher ist es wichtig, sich beide Seiten vor Augen zu führen. Nicht umsonst ist das Betreuungsgeld lange Zeit diskutiert worden. Letztendlich müssen Eltern mal wieder einmal selbst entscheiden, was sie für ihr Kind und sich selbst am vorteilhaftesten sehen. Ob sich die Befürchtungen Erdogans bewahrheiten, bleibt zunächst einmal abzuwarten. Die Hoffnung bleibt allerdings, dass wir uns mit dieser finanziellen Hilfe tatsächlich einen Gefallen getan haben.

http://www.fr-online.de/politik/neukoelln–die-kinder-sind-die-leidtragenden-,1472596,20833938.html

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