Fragwürdige Vorbilder…

Von den Nachrichten, die einem als überzeugtem Anhänger des Pluralismus in den letzten Tagen mal wieder das Blut in den Adern gefrieren lassen sollten, zählten die über den Sänger Xavier Naidoo. Dieser sanftmütig erscheinende Vertreter des neuen deutschen Liedguts erfreut sich zur Zeit einer nicht unbeträchtlichen Medienpräsenz. Seit Jahren schon nervt der  evangelikal angehauchte Wiedererweckte jeden, der das Radio nicht schnell genug abdrehen kann, ungefragt mit Ergüssen seiner persönlichen Überzeugungen. Es ist hier nicht die Stelle, sein Geschwurbele aus der Sicht der Germanistik auseinander zunehmen, doch um in seinen verquasten Songtexten den Tiefsinn zu erkennen, den er zu transportieren vorgibt, muss man schon sehr unerfahren im philosophischen Diskurs sein.

Umso verwirrender war es, als der sonst so christlich und sanftmütig auftretende Liedermacher kürzlich in einem Song mit homophoben Gewaltphantasien von sich reden machte. Darin wurden nach Ansicht seiner Ankläger Homosexuelle mit Pädophilen, Kindsmödern, Satanisten und Menschenopfern in einen Hexenkessel geworfen. Zwar hat sich der Sänger hinterher von einem solchen Verständnis der strittigen Textstellen distanziert, und die Klage wurde nicht weiter verfolgt, doch finde ich bedenklich, welche Rechtfertigung er in einem Interview benutzte: er hätte lediglich auf das weit verbreitete Problem des Kinderopfers hinweisen wollen, über das lediglich nichts bekannt sei, weil nicht genügend darüber berichtet würde.

Wie bitte? In Deutschland werden massenhaft Kinder zu Opfern von Ritualmorden? Und die Presse sagt und schreibt nichts dazu?

Recherchen im Internet ergaben, dass es bis auf einen Hinweis aus England keinen beglaubigten Fall von Menschenopfern gegeben hat. Dennoch hält sich hartnäckig das Gerücht, etwa 300 Kinder vorwiegend afrikanischer Herkunft seien in Europa bisher spurlos verschwunden. Auf diese Gerüchte scheint sich Herr Naidoo in seiner Äußerung zu beziehen.

Abgesehen davon, dass jedes Verbrechen an Kindern eines zuviel ist, besteht also wohl kein Anlass, die Existenz eines planmäßig organisierten Zirkels Kinder opfernder Okkultisten zu glauben. Bedenklicher erscheint mir in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass solche urbanen Mythen (und um einen solchen handelt es sich ja!) bekanntlich oft xenophobe Ängste transportieren; in diesem Fall gegenüber Einwanderern aus Westafrika, zu denen in den Geschichten über die Herkunft der Kinder implizit eine Verbindung hergestellt wird. Geschürt wird das Bild des undurchschaubaren Fremden, dem man nicht trauen kann, dem aber alles zuzutrauen ist. In Anbetracht der Tatsache, dass Herr Naidoo, ebenso wie sein Partner Kool Savas, selbst einen Migrationshintergrund hat, ist es umso bedauerlicher, dass er diese Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft anscheinend verinnerlicht anstatt dagegen anzugehen.

Ist es am Ende möglich, dass Herr Naidoo selbst daran glaubt?

Es hat eine Zeit gegeben, in der in Europa eine hysterische Angst vor einer Organisation von Hexern und Hexen herrschte. Bis zu 60.000 Menschen wurden in der frühen Neuzeit als angebliche Hexen und Hexer, Werwölfe und Hostienschänder ermordet. Obwohl zahlreiche Anhänger moderner neopaganer Bewegungen als Hintergrund und Opfer des Hexenwahns gerne von ihnen vermutete, tatsächlich existierende heidnische Bevölkerungsgruppen sehen wollen (eine haltlose Sichtweise, die, nebenbei gesagt, aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt), hat die historische Forschung längst bewiesen, dass eine solche Bewegung nie existiert hat. Doch die strenge, intolerant-bigotte Gesellschaft jener Zeit brauchte ein Feindbild, und sei es auch nur ein eingebildetes. Ausgrenzung, Abgrenzung und ungeheuerliche Verdächtigungen gegenüber den Mitgliedern der Outgroup sind ziemlich typisch für Menschen mit starker religiöser Ausrichtung. Und es sind in der Regel die Mitglieder von Unterschichten und Parallelgesellschaften, die hier zur Outgroup gemacht werden. Ganz nebenbei – auch heute noch gibt es einen geradezu virulenten Hexenwahn in einigen Entwicklungsländern, und auch dort sind es die Schwächsten der Gemeinschaft, die ihm zum Opfer fallen. Übrigens bilden auch dort, wie schon in der europäischen Neuzeit, Hexenglauben, Kannibalismusvorwürfe, Xeno- und Homophobie ein bizarres, für die Beschuldigten oft tödliches Konglomerat.

Doch sollten wir in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft solchen abstrusen Verdächtigungen nicht eine klare Abfuhr erteilen? Ich persönlich möchte die Musik eines Mannes, der sich mit o. e. Statement eindeutig zu den geschilderten Wahnvorstellungen bekennt, sie sogar im Interview als Begründung für einen umstrittenen Songtext benutzt, nicht im Zimmer von Kindern und Jugendlichen wissen. Auch widerstrebt es mir, einen solchen Menschen in einer der von ihnen meist gesehenen Sendungen auftreten zu sehen. Es ist vielleicht doch anzuraten, sich  beizeiten mit dem Musikgeschmack seines Nachwuchses auseinanderzusetzen und mit den Sprösslingen rechtzeitig ein Aufklärungsgespräch zu führen, um den zukünftigen Bewegungen mit menschenverachtendem Hintergrund schon heute den Boden zu entziehen.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

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