Verkehrserziehung oder warum Eltern in erster Linie selbst für ihre Kinder haften…

Es ist schon einige Zeit her, da wurde der Verfasser dieser Zeilen in einer beschaulichen bayerischen Stadt in Flughafennähe Zeuge folgenden Vorfalls:

An einer belebten Kreuzung standen mehrere Personen und warteten auf „Grün“. Wer die  Freisinger Ampelschaltungen kennt, deren Prinzip wohl nur der siebte Sohn eines siebten Sohnes verstehen kann, weiß, dass man in dieser Stadt grundsätzlich dann an eine hinkommt, wenn diese auf „Rot“ schaltet – und zwar ganz egal, ob man Fußgänger oder Autofahrer ist. Wer immer für dieses System verantwortlich ist, muss so eine Art böses Genie sein. Ein normal begabter Mensch könnte eine derartige Hintereinanderreihung roter Ampeln unmöglich bewerkstelligen. Aber wie dem auch sei: Einer der an der Ampel wartenden Fußgänger schien es besonders eilig zu haben; er sah immer wieder auf die Uhr und war offensichtlich in Zeitnot. Schließlich ließ der Verkehr nach. Nun waren zwar weit und breit keine Autos mehr zu sehen, dafür zeigte die Fußgängerampel weiterhin stur das rote Männchen. In keinem Land der Welt außer in Deutschland bleiben Passanten in einer solchen Situation einfach stehen. Der Mann muss in diesem Moment so etwas Ähnliches gedacht haben, denn als weiterhin kein Auto kam, überquerte er die Straße.

Das hätte er mal besser bleiben lassen.

Denn in diesem Moment begann ein anderer an der Ampel wartender Passant sogleich lauthals hinter ihm her zu schreien. Er hatte ein Kleinkind dabei und empfand es als Rücksichtslosigkeit, dass jemand es wagte, vor den Augen seines Kindes eine rote Ampel zu überqueren. Abgesehen davon, dass auch ich das Kind bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bemerkt hatte, war der junge Vater erst nach dem anderen Mann an die Ampel gekommen und stand hinter ihm. Wahrscheinlich hatte er unter dem Druck irgendeines Termins schlicht vergessen, sich vor dem Überqueren der Strasse unter den Umstehenden umzusehen.

Was ich an der Geschichte jedoch bemerkenswert finde: Der junge Vater, das konnte ich seinem Geschrei entnehmen, war offenbar der Überzeugung, dass sein Kind ab jetzt geradezu zwanghaft jede rote Ampel ignorieren würde. Um seiner Erregung so richtig Ausdruck zu verleihen, schmückte er seine Hasstiraden auch noch mit Fäkalausdrücken der übelsten Sorte aus.

Für mich als Beobachter mit einem Sinn fürs Groteske war das eigentlich schon ein wenig lustig. Anstatt selbst Verantwortung für die Erziehung seines Kindes zu übernehmen und dem Kind zu erklären, dass der Mann vielleicht gerade nicht aufgepasst habe und man solch ein Verhalten nicht nachahmen solle, gab der junge Vater seinem Nachwuchs m. E. ein bedenkliches Beispiel für rüpelhaftes Verhalten. Hätte ein Anderer vor den zarten Kinderohren solche Gehässigkeiten und beleidigenden Ausdrücke benutzt, hätte er eigentlich mehr Grund zur Entrüstung gehabt. Es kam ihm aber offenbar gar nicht in den Sinn, dass sein Kind aus der Situation vielleicht den Schluss ziehen wird, dass man sich, wenn man sich im Recht fühlt, selber jedes noch so antisoziale Verhalten erlauben darf.

Immer wieder stelle ich fest, dass manche junge Eltern ein höchst eigenartiges Bild von der Psyche ihrer Kinder kultivieren. Geradezu akribisch verlieren sie sich in Kleinigkeiten, die sie von ihren Sprösslingen fern zu halten suchen. Dabei sollte ihnen irgendwann auffallen, dass ihre lieben Kleinen auch nach der soundsovielten Ermahnung nicht fähig sind, ein simples „Danke“ herauszubringen. Aber ein einzelner Mitmensch, der bei Rot über die Strasse geht, führt zu schweren Traumata?

Dann wiederum ist man mal gestresst und einfach froh, wenn der Nachwuchs endlich ruhig ist. Also setzt man ihn vor den Fernseher/Computer und sich selbst über die Jugendschutzempfehlungen auf dem Cover der DVD bzw. des Spiels hinweg. Das wird aber nicht als problematisch für die in der Entwicklung befindliche Psyche empfunden.

Vor zweitausend Jahren hat ein galiläischer Wanderprediger seine Jünger ermahnt, nicht den Splitter im Auge des Nächsten zusehen und dabei den Balken im eigenen Auge zu ignorieren.

Es sind die alltäglichen Spiegelfechtereien, die von dem ablenken, worauf es wirklich ankommt. Wenn die Linie der Erziehung im Großen und Ganzen stimmt, kann man auf die Fehler seiner Mitmenschen auch mal gelassen reagieren.

Und ist Toleranz nicht wesentlich wichtiger als sture Rechthaberei?

Herzlichst, Ihr Dr. M. Fritz!

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