Wahrnehmungsprobleme

621151_web_R_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deKritischer Umgang mit den Medien ist heutzutage bekanntlich eine der wichtigsten Lehren, die man Heranwachsenden im Leben mitgeben kann. Dazu gehört auch der kritische Umgang mit Pressemeldungen, in denen auf perfide Weise ein Zusammenhang zwischen Sachverhalten so konstruiert wird, die gar nichts miteinander zu tun haben.

So liest man gerne in Artikeln über das Thema Jugendliche und Gewalt, die Täter seien Türken, Araber oder Bosnier gewesen.

Aber um nicht gleich auf das Reizthema Islam zu kommen, werde ich mich einem anderen Beispiel zuwenden – So las ich heute in der Presse die denkwürdige Schlagzeile: „Koreanerin erschlägt Mann mit der Spätzlepresse“.

Inwiefern hat die Herkunft der Frau mit dem Tatbestand des Totschlages zu tun? Soll hier implizit zum Ausdruck gebracht werden, dass das Erschlagen mit Küchengeräten eine spezifisch koreanische Eigenheit sei? Stecken womöglich exotische Kampfkünste aus dem fernen Osten dahinter? Ist sie eine Spionin der Kim-Diktatur?

Nein, es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein – leider – allzu normales Ehedrama, wie es sich – ebenfalls leider viel zu häufig – in Deutschland immer wieder abspielt. Nur dass in diesem Fall die Täterin einen Migrationshintergrund hatte.

Was will man eigentlich damit erreichen? Dass sich nun alle Männer, deren Ehepartnerin nicht aus Nord- oder Südkorea stammt, beruhigt im Sessel zurücklehnen und sagen: „Ach ja, Gott sei Dank, das kann mir ja nicht passieren, da mein Schatz ja nicht aus Korea kommt!“?

Ist es das?

Oder sollen wir anerkennend sagen: „Da schau her, wie gut die integriert ist! Die kocht sogar Spätzle statt Kimchi und Bibimbap!“.

Oder soll gar davor gewarnt werden, sich mit Frauen aus Fernost einzulassen? Steckt womöglich der Wunsch dahinter, dass sich der ein oder andere Mann lieber mal nicht auf eine bikulturelle Ehe einlässt – aus Angst, irgendwann einmal mit Haushaltsgeräten erschlagen zu werden? Kommt hier der alte Ungeist der Wahnidee von der „Rassereinheit“ durch die Hintertür geschlichen? Immerhin, wir leben in einem Land, in dem deutsche Katholiken, Protestanten und Konfessionslose einen staatlich organisierten, in der Geschichte bisher einmaligen Massenmord an Juden, Sinti und Roma begangen haben.

Mit der Betonung auf der Religion der Täter hört sich der letzte Satz für Sie unheimlich an? Sie möchten das doch differenzierter gesehen haben?

Leider denkt man nicht besonders lange nach, wenn es um die Missetaten von Angehörigen einer Minderheit geht. Wenn deutsche Jugendliche im Suff einen Gleichaltrigen verprügeln, wird das nicht gesondert erwähnt. Vor allem, wenn das Opfer einen Migrationshintergrund hat, wird die Herkunft nicht gern erwähnt. Handelt es sich bei den Prügelnden jedoch um Jugendliche mit Migrationshintergrund – vor allem, wenn ihre Vorfahren aus islamischen Ländern stammen – wird das gerne lang und breit ausgeschlachtet. So entsteht der Eindruck, dass nicht soziale Missstände, mangelnde Perspektiven, fehlende kulturelle Angebote etc. letztendlich zu der – durch nichts zu verzeihenden, aber sehr wohl erklärbaren – Gewalttat geführt haben, sondern eben die Religion, die Kultur oder die Staatsangehörigkeit.

„Immer, wenn Dinge zusammen präsentiert werden, werden sie auch füreinander relevant gehalten. … Bringt man das Merkmal ein, dann handelt es sich um eine Sinn-Induktion durch einfaches Zusammenfügen disparater Elemente, d.h. es wird mehr Sinn in den Gesamtzusammenhang interpretiert, als in den einzelnen Elementen vorhanden ist.“ Dieses Zitat aus dem Buch „Antisemitismus und Islamophobie. Ein Vergleich“ von Sabine Schiffer und Constantin Wagner (HWK Verlag, Wassertrüdingen; 2009) S. 21 zeigt die Problematik des Sachverhaltes deutlich auf: Mit einer gewissen Böswilligkeit lassen sich über längere Zeiträume hinweg sehr wohl Ängste vor und in ihrer Folge Hassgefühle auf eine Minderheit erzeugen.

Genau vor einer solchen Art der Manipulation sollten wir unsere Kinder aber bewahren. Nicht nur, weil die Zukunft unseres Landes und seines Wohlstandes von der Zuwanderung abhängt und sich qualifizierte Einwanderer wohlfühlen sollen. Sondern auch, damit unsere Nachkommen in einer besseren Gesellschaft leben anstatt in einer schlechteren.

Und damit sie sich später als Erwachsene auch dann in einer Beziehung wohlfühlen können, wenn die Frau Koreanerin ist und selbst gemachte Spätzle mag.

 

Herzlichst, Ihr Abacus Team/ Dr. M. Fritz!

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