Zwei- und Dreijährige im Internet…

 

Ich konnte es nicht glauben, als ich es las. Sage und schreibe 40 (vierzig!) Prozent der schwedischen Kinder im Alter von zwei Jahren und 50 (fünfzig!) Prozent der Dreijährigen nutzen nach einer Studie im Auftrag der schwedischen Stiftung für Internet-Infrastruktur das Internet (Quelle: LINK: ).

Um es vorweg zu sagen: Respekt, dass in Schweden eine solche Studie durchgeführt wird! Für Deutschland gehe ich von ähnlich hohen Zahlen aus. Kein Anlass also, in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Etwas amüsiert nehme ich überdies die Meldung zur Kenntnis, dass die Kinder dabei beinahe ausschließlich Spiele spielen. Ich hatte mir ja schon irgendwie gedacht, dass sie mit zwei Jahren wohl eher nicht die Börsennachrichten verfolgen oder sich über aktuelle politische Entwicklungen auf dem Laufenden halten werden.

 

Mir stellt sich bei solchen Meldungen jedoch spontan erst mal eine Frage: Was sind denn das für Eltern, die ihre Kinder bereits in diesem zarten Alter zur Internetnutzung anhalten? Denn dass die Kleinen sich an ihren Eltern vorbei an den Computer schleichen und ein wenig surfen gehen, kann ich mir keinesfalls vorstellen.

 

 

„Rabeneltern“, schießt es mir da erst mal durch den Kopf, „denen sollte man doch…“, aber dann fällt mir ein, dass ich da vielleicht ein wenig vorschnell reagiere. Wahrscheinlich wollen diese Eltern, wie alle Eltern, für ihren Nachwuchs nur das Beste. Gerade die Kinder in Schweden schneiden im internationalen Vergleich in der Regel sehr gut ab, wenn es um die Versorgung und Investitionen in Bildung und Erziehung geht. Anders als bei den „Fernsehkindern“ werden sie nicht einfach aus elterlicher Bequemlichkeit vor der Flimmerkiste geparkt, damit sie nicht stören. Nein, ihre Eltern nehmen sich sogar viel Zeit, um ihnen die Technik nahe zu bringen. Sie begleiten sie und wachen über sie, und sie tun das, weil sie von der enormen Wichtigkeit der Mediennutzung im späteren Leben der kleinen Erdenbürger überzeugt sind. Also meinen sie, ihnen etwas Gutes zu tun, wenn sie sie möglichst früh an die Materie heranführen. Man darf nicht vergessen: Der gewaltige Auslesedruck schon im Kindesalter, den die Globalisierung erzeugt, arbeitet unter der Prämisse, dass die Eliten von Morgen bereits seit vorgestern für den Arbeitsmarkt gedrillt werden müssen; sonst verlieren sie den Anschluss und werden von der Konkurrenz – pardon, den Spielkameraden in der Kinderkrippe – gnadenlos aus dem Rennen geworfen. Auch hier kenne ich viele Eltern, die ohne nachzudenken auf jeden fahrenden Zug aufspringen, um den Kindern nur ja nichts vorzuenthalten, was sich in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht als wichtig herausstellen könnte. Nur – auch was mit besten Vorsätzen geschieht, kann dem Kind Schaden zufügen. Und daran denkt insbesondere diejenige Klientel nicht, die bei der Lebensmittelsicherheit auf der lückenlosen Überwachung aller Produktionsschritte und auf der Ausmerzung selbst allerkleinster Sicherheitsrisiken besteht. Wenn es um Experimente mit der Psyche ihrer Sprösslinge geht, sind manche Leute erschreckend blauäugig. Dass jede neue Technik auch Gefahren birgt, dass wir nie sagen werden können, welche Mode von heute vielleicht morgen katastrophale Folgen zeitigen wird, wird nirgendwo so leicht ausgeblendet wie bei neuen Technologien. Anfang des 20. Jahrhunderts mag diese Denkweise noch nachvollziehbar gewesen sein – man denke an das damals populäre Sprichwort, die Titanic könne noch nicht einmal von Gott versenkt werden, wenn er dies wolle! – doch ein gutes Jahrhundert später, nach zwei Weltkriegen inklusive Holocaust, unzähligen lokalen Konflikten, Völkermorden und zwei nuklearen Super-GAUs sollte die Unhaltbarkeit dieses vorbehaltlosen Fortschrittsoptimismus doch erkannt worden sein. Der Mensch – und mit ihm  auch bestimmte Grundsätze der Erziehung – ändern sich nicht. Aus evolutionsbiologischer Sicht sind wir immer noch Höhlenmenschen. Und deren grundlegende Verhaltensweisen tragen wir immer noch in uns. Es gilt, was bereits für den kleinen Frühmenschen von zentraler Bedeutung war: Die Sicherheit, die entsteht, wenn Eltern mit ihrem Kind unmittelbar interagieren. Es braucht den Blickkontakt mit der Bezugsperson und den Klang und die Wärme menschlicher Stimmen. Nur so entsteht das Gefühl von Geborgenheit. Und dieses Urvertrauen ist fürs ganze Leben die wichtigste Gewissheit:

Herzlichst, Ihr Abacus-Team.

 

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