Der Berg kreisste und gebar eine Maus…

 

…so könnte man den Inhalt des neuesten Artikels des von mir hoch geschätzten Stern-Reporters Uli Hauser knapp wiedergeben (LINK: http://www.stern.de/panorama/bildung-in-deutschland-die-zeit-der-streber-ist-vorbei-1909037.html ).

Um den zweiseitigen Artikel kurz aufzuarbeiten für diejenigen unter Ihnen, werte Leser, die sich der modernen Leistungsgesellschaft nicht entziehen können: Es geht darum, dass die Schule mal wieder total daneben liegt, gute Noten unwichtig sind und gute Schüler ohnehin suspekt, weil höchstwahrscheinlich Soziopathen. Und dass es im Leben ohnehin auf wichtigeres ankommt als Leistungsnachweise. Und was mich besonders ärgert: mit einem bemerkenswerten Mangel an Sachkenntnis behauptet er: „So gibt es Nachhilfe in Französisch, um von “mangelhaft” auf “ausreichend” zu kommen. Nicht in Englisch, um sich von “befriedigend” auf “sehr gut” zu verbessern“. (LINK: http://www.stern.de/panorama/bildung-in-deutschland-die-zeit-der-streber-ist-vorbei-1909037.html auf S. 1).

 

Also, ich hatte bereits mehrere Schüler, die bereits sehr gut in den Fächern waren, in denen sie Nachhilfe bei mir genommen haben. Um noch besser zu werden. Haben die das jetzt gemacht, weil sie ehrgeizig waren und ihnen das Fach vielleicht sogar Spaß gemacht hat? Oder waren das jetzt alles miese kleine Streber, die in der unausgesprochen implizierten Weltsicht des zitierten Stern-Artikels später im Leben dem tragischen, irgendwo aber doch wohlverdienten Scheitern entgegensehen müssen (LINK: http://www.stern.de/panorama/2-bildung-in-deutschland-die-zeit-der-streber-ist-vorbei-1909037.html S. 2).

So ein bisschen erinnert mich der Tenor dieses Artikels hin und wieder an das Verhalten einiger meiner Mitschüler in den 80ern, die ihre eigene Art hatten, Leistungsunterschiede zu verwischen. Nämlich, indem sie all jene terrorisierten, mobbten und zu entwerten trachteten, die in der Schule besser oder motivierter als sie waren. Ich dachte eigentlich, wir wären heute weiter. Die von mir begleiteten Nachhilfeschüler habe ich als nette, ausgeglichene und freundliche Kinder erlebt. Das heißt, wenn man sie anerkannte und respektierte. Es gab auch einige „schwache“ Schüler, die bei mir im Einzelunterricht aufblühten und lange brauchten, bis sie in der Schule zu den Noten kamen, die ihrem tatsächlichen Leistungsniveau entsprachen. Das kam aber nicht davon, dass sie verkannte Genies waren, „für die eine bestimmte Art von Unterricht immer eine Nummer zu klein geriet“ (Zitat: http://www.stern.de/panorama/bildung-in-deutschland-die-zeit-der-streber-ist-vorbei-1909037.html S. 1).

Sie litten – und ich habe erst mühevoll ihr Vertrauen erringen müssen, bis sie davon erzählten – unter diesem zeitlosen Herdentrieb der dummen Masse, dass ein jeder, der auch nur ein klein wenig aus den Niederungen des unteren Durchschnitts hervorsticht, mitleidlos niedergemacht wird. Es ist diese Diktatur des Bildungsproletariats, unter der das System leidet, und nicht eine falsche Bewertung der wahren Begabungen. Ganz kapitalistisch hat der Markt da seine eigene Art und Weise gefunden, eine Nachfrage zu kreieren. Immer die Ellenbogen eingesetzt, ganz brav, gegen all jene, die den Durchschnitt anheben. Ich frage mich unwillkürlich, wie meine Schützlinge wohl reagieren, wenn sie Herrn Hausers Meinungsäußerungen über gute Schüler lesen? Werden sie sich da nicht grausam verspottet fühlen? Niedergemacht? Verletzt? Meiner Meinung nach wollen Kinder Leistung bringen, fordern dafür aber auch Anerkennung ein. Wird ihnen die verweigert oder werden sie dafür gar in ihrem noch ungefestigten Selbstbewusstsein angegriffen – um das Wort „gemobbt“ zu vermeiden – dann allerdings zerstört man diesen Leistungswillen. Und ich weiß nicht warum, aber so ganz will ich die Mär vom Personalchef, dem die Schulnoten seiner Bewerber egal sind, nicht glauben. Ich halte das für einen zweckdienlichen urbanen Mythos, um bestimmte Ziele durchzusetzen. Mindestens hat man mir noch nie belegen können, dass ein Bewerber mit tollen menschlichen Qualifikationen TROTZ schlechter Noten eingestellt worden wäre. Wie soll man auch innerhalb eines einzigen Bewerbungsgespräches all die wertvollen Charaktereigenschaften erkennen, die man selbst bei guten Freunden oft erst nach Jahren feststellt? Muss der betreffende Personalchef nicht befürchten, arglistig getäuscht zu werden? Der müsste ja andernfalls ein sagenhaftes Gespür für seine Mitmenschen haben. Oder sagenhaft blauäugig sein. Oder so unglaublich dumm, dass er seine Menschenkenntnis über  jeglichen Zweifel erhaben dünkt.

Nein, ich denke, man wird auch weiterhin nicht an der (übrigens sehr charakterbildenden) harten Arbeit vorbeikommen.

Alles andere ist eine nette Illusion. Oder eine Unverschämtheit.

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

Wie hat Ihnen dieser Blogbeitrag gefallen?
Nicht so toll!Ein Hauch von Nutzen!Es geht so!Finde ich okay!Toller Blogbeitrag (No Ratings Yet)

Loading ... Loading ...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *