Ein Armutszeugnis?

Die gute Nachricht vorweg:

Wie eine Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt ( Link: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kinderarmut-awo-stellt-studie-vor-a-857911.html ) ergab, müssen Kinder, die in armen Verhältnissen aufwachsen, nicht arm bleiben. Immerhin fast die Hälfte kann die Armut im Lauf ihres Lebens hinter sich lassen.

Das bedeutet allerdings – und jetzt kommt die schlechte Nachricht – im Umkehrschluss, dass mehr als die Hälfte (laut der Studie nämlich 57 %) arm bleiben.

Angesichts sinkender Löhne eine Nachricht, die alarmiert aufhorchen lässt. Verwandeln wir uns in eine Republik der Abgehängten?

Es sind vor allem die Folgen der Armut, die die Betroffenen auch Bildungschancen kosten. Dafür verantwortlich gemacht wird nicht zuletzt – bedingt durch die Notwendigkeit, Nebenjobs anzunehmen, aber auch wegen Überforderung durch familiäre Aufgaben – der Mangel an Zeit fürs Lernen.

Doch genau in diesem Punkt komme ich nicht umhin, eine gewisse Gemeinsamkeit mit Kindern vom anderen Ende des sozialen Spektrums festzustellen.

Denn gerade auch deren Kinder haben in vielen Fällen zu wenig Zeit für die Schule.

Allerdings, die Ursachen für die Probleme beider Seiten miteinander zu vergleichen käme – für die Schüler aus sozial schwachen Verhältnissen – beinahe schon blankem Hohn gleich.

Im Falle der Schüler aus gut situierten Familien sind die Probleme leider meist hausgemacht. Da werden die Terminkalender der Sprösslinge mit Sport, Musikangeboten, Ballett usw. derart überfrachtet, dass für Hausaufgaben, Vokabellernen, Matheüben und dergleichen notwendigen, aber prosaischen Veranstaltungen schlichtweg zu wenig Zeit bleibt.

Kommt der Schüler dann endlich irgendwann spät abends nach Hause, stürzt er sich zur Verwunderung seiner Eltern nicht mehr auf die Schularbeiten, sondern verfällt in einen geradezu erschöpfungsartigen Ruhemodus. Wer sein Kind in einem solchen Fall der Faulheit bezichtigt, sollte meines Erachtens sein eigenes Leben überdenken.

Eventuell ist er nämlich bereits in einem Zustand angekommen, in dem er die für die   Regeneration notwendigen Pausen nicht mehr machen kann, sondern vollkommen überdreht einfach weiterläuft.

Das Verhalten des Kindes oder Teenagers gibt in einem solchen Fall den notwendigen Hinweis, dass man in Bälde mit einem Burnout zu rechnen hat.

Tatsächlich nämlich brauchen Schüler auch Phasen der Inaktivität. Das hat nichts damit zu tun, dass sie dem Konkurrenzkampf / den Anforderungen / dem Leben nicht gewachsen wären.

Es ist eine ganz normale Sache. Gerade im Kindes- und Teenageralter, wenn Körper und Seele noch heranwachsen, sollte man dem Nachwuchs die Chance geben, Lerninhalte und die im Tagesverlauf gemachten Erfahrungen in das noch im Aufbau befindliche persönliche Weltbild einzuordnen. In dieser Phase der Persönlichkeitsentwicklung werden die Fundamente gelegt für den Menschen, der er später einmal sein wird.

Und der ist vielleicht glücklicher, wenn er gelernt hat, sich seine persönlichen Freiräume zu schaffen und Strategien kennt, wie er gesellschaftlichen und beruflichen Druck verarbeitet. Ganz nebenbei schadet es auch nichts, wenn er Prioritäten zu setzen weiß. Ist Fußball oder Reitunterricht wirklich wichtiger als in der Schule mitzukommen, die ja das jugendliche Äquivalent zum späteren Beruf ist? Soll der spätere erwachsene Mensch wirklich ein immer mehr ausuferndes Freizeitangebot für wichtiger erachten als die Arbeit?

Denn darauf läuft es letztendlich heraus.

Die Kinder der Ärmsten in diesem Land wären froh, Zeit und Möglichkeit zur Weiterbildung zu haben.

Wer von den finanziell besser Gestellten irgend kann, sollte sie seinem Kind nicht nehmen.

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