Kultur der Gewalt

 

Dass wir im Landkreis Freising längst nicht mehr in ländlicher Beschaulichkeit leben, zeigten zwei Meldungen der letzten Zeit: Neben allerhand Besorgnis erregenden Nachrichten, unter anderem aus Au, war es die über den Ausgang eines Prozesses in Moosburg, bei dem ein 20jähriger Verwaltungsfachangestellter verurteilt worden war, der einen auf dem Boden liegenden 17jährigen extrem brutal zusammengeschlagen hatte – nachdem er zuvor einen anderen jungen Mann bei Facebook bedroht hatte. Auch dem 17jährigen soll der Schläger nach der Tat gedroht haben, um ihn an einer Aussage zu hindern. Dabei brüstete er sich Verbindungen zu den Hells Angels.

 

Immer häufiger, so scheint es, suchen junge Leute die Lösung von Konflikten in nackter Gewalt. Aber noch nicht einmal nur zum Sieg in Streitigkeiten: Die weitgehend durch amerikanische Serien und Filme sowie durch Computerspiele geprägte Subkultur suggeriert daneben auch, dass das Dreinschlagen auf Schwächere eine legitime Form des Stressausgleichs sei. Das Ganze läuft nach dem Muster: „Echte Männer weinen nicht – wenn sie Probleme haben, lenken sie ihre Trauer um in Aggression“.

Nun will ich sie nicht mit wissenschaftlichen Betrachtungen aus der Gewaltforschung langweilen. Doch tatsächlich gibt es anscheinend einen bestimmten Alterabschnitt, in dem vor allem männliche Jugendliche für die Ausübung physischer Gewalt relativ anfällig sind. Auch extremistische Ideologien, Männerbünde und die Bewunderung für Gesetzesbrecher jeder Art wirken auf den einen oder anderen in diesem Abschnitt der Unreife bedauerlicherweise recht anziehend. Und wenn ihnen in diesem Alter nicht rechtzeitig Grenzen gesetzt werden, „lernen“ sie daraus, dass gewalttätiges Verhalten zum Erfolg führt.

Doch was fälschlicherweise oft als „natürliches“ Verhalten in einem bestimmten Lebensabschnitt verkauft wird, ist kein zwingendes Schicksal. Sonst müssten wir alle jungen Männer in einem bestimmten Alter auf eine Gefängnisinsel verbringen und sie erst wieder abholen, wenn sie die nötige soziale Reife erlangt haben. Dass weder unsere noch irgendeine andere mir bekannte Kultur so etwas tun, zeigt mir, dass viel von dem vermeintlich „typischen“ Benehmen antrainiert ist.

Und tatsächlich, wir erinnern uns vielleicht alle noch daran, dass es einmal möglich um eine bestimmte Uhrzeit war die U-Bahn zu benutzen ohne von wild gewordenen Teenagern totgeschlagen zu werden. Bei einem „natürlichen Hang zur Aggression“ hätte es das ja schon früher regelmäßig gegeben.

Da bleibt in meinen Augen nur eine Erklärung: Gewalttätigkeit ist ganz einfach ein antrainiertes Verhalten. In einer Zeit, in der „Aggressivität“ und „Kampfgeist“ zwingende Eigenschaften bei der Bewerbung für einen Managerposten darstellen, in denen auch unter Erwachsenen Gewalt in Gestalt des Mobbing zum Arbeitsalltag geworden ist, und in der viele Eltern ihre Kinder großziehen mit der Ermahnung, „sich nichts gefallen zu lassen“, müssen wir uns doch nicht wundern, dass die Kinder und jungen Leute – die sensibelsten Indikatoren für gesellschaftliche Fehlentwicklungen – die ihnen gebotenen Strategien in sprichwörtlich brutaler Konsequenz ausleben. Sollten wir den Exzessen dieser kulturellen Fehlentwicklungen nicht endlich einen Riegel vorschieben?

Vielleicht sollten wir uns auch wieder mehr dafür interessieren, was im Zimmer des halbwüchsigen Sohnes oder der heranwachsenden Tochter so alles gespielt, gelesen, getrieben wird. Viel zu viele Eltern finden sich mit einer Parallelexistenz ihrer Teenager ab, anstatt mit ihnen aktiv das Gespräch zu suchen. Dabei ist es gerade in diesem Lebensabschnitt so wichtig, jemanden zum Reden zu haben, der einem dabei hilft, die Eindrücke von außen richtig zu sortieren und in das sich bildende Persönlichkeitsbild einzuordnen. Sonst kann es passieren, dass die labilen jungen Leute genau die falschen Lehren aus ihren Erfahrungen ziehen. Und dann stellt man eines Tages entsetzt fest, dass man sie verloren hat, an die Verführer und die Extremisten. Denn die ziehen ihre Kreise überall da, wo verführbare Jugendliche sind, und greifen sich die Schutzlosen und Schwachen, die ohne den Rückhalt elterlichen Schutzes sind.

Werfen Sie Ihren Nachwuchs nicht den Haien zum Fraß vor!

In diesem Sinne, Ihr Abacus Team!

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