Nachmittagsbetreuung im Jugendzentrum?

Ist schon das Angebot für die Nachmittagsbetreuung der Grundschüler im Kreis Freising zwar alles andere als befriedigend, aber immerhin existent, so gibt es bei den Unterbringungsmöglichkeiten für die Gruppe von zehn Jahren aufwärts noch erheblichen Nachholbedarf. Das verwundert schon ein wenig: Warum ist ein Zehnjähriger (Noch)-Grundschüler auf einen Hortplatz angewiesen, nach den großen Ferien aber, wenn er dann das Gymnasium oder die Realschule besucht, plötzlich nicht mehr? Und auch später, sagen wir bis mindestens zum Alter von 14 Jahren, sollte er doch unter der Aufsicht von Erwachsenen sein. Theoretisch sind ja die Schulen angehalten, eine Nachmittagsbetreuung anzubieten, aber dem Vernehmen nach sollen einzelne Bildungsanstalten in unserem Landkreis ja bereits an der Aufgabe scheitern, überhaupt den regulären Unterricht aufrechtzuerhalten. Ironie on: Wenn ich schon am Vormittag mein Lehrpersonal nicht motivieren kann, sich in die Schule zu schleppen und die Brut zu unterweisen, wie soll ich das dann erst am Nachmittag schaffen, wenn die ganzen Talkshows und Soaps laufen? Ironie off.

Dieses Problem haben in Eching und Neufahrn die Jugendzentren erkannt und bieten daher ein Angebot, das neben einem Mittagessen auch eine Hausaufgabenaufsicht umfasst. Und natürlich gibt es lange Wartelisten bei der Anmeldung.

Es fällt schon ein wenig auf: Sobald heutzutage jemand derartige Betreuungsprogramme auf die Beine stellt, hat er in Kürze auf jeden Platz gleich mehrere Bewerber. Es gibt also offensichtlich Bedarf.

Ich korrigiere mich: sobald jemand BEZAHLBARE Betreuungsprogramme anbietet… denn viele Arbeitnehmer sind in unserer Region deshalb auf eine Nachmittagsbetreuung ihrer Kinder angewiesen, weil erstens die allgemeinen Lebenshaltungskosten unheimlich hoch sind, und weil zweitens viele der Stellen – gerade an der sog. „Jobmaschine“ Flughafen – überaus schlecht bezahlt sind. Dem Verfasser sind Beispiele für schwarze Schafe bekannt, die ihre unterbezahlten Lohnsklaven auch außerhalb des vereinbarten Schichtbetriebs mit ständigen Telefonanrufen regelrecht terrorisieren, damit diese dann für Ausfälle ihrer überarbeiteten und ausgebrannten Kollegen einspringen. Kommen die Angestellten diesen Aufforderungen nicht nach (etwa weil sie einfach während ihrer Freizeit ihr Handy ausschalten), werden sie durchaus unter Druck gesetzt. Ebenfalls kenne ich das Beispiel eines Minijobbers, der seine Kinder ganztags unterbringen musste, obwohl er lange Zeiten während des Tages zuhause war: Er wurde nämlich nur für tatsächlich geleistete Arbeitsstunden bezahlt, musste aber rund um die Uhr abrufbar und dann binnen kürzester Zeit am Arbeitsplatz sein. Das ist die brutale Realität, die hinter der niedrigsten Arbeitslosigkeit in Deutschland steckt. Sind also beide Elternteile in derartigen Job-Obszönitäten tätig (von „arbeiten“ mag ich in einem solchen Zusammenhang nicht reden…), müssen sie sich bei der Hausaufgaben- und Lernbetreuung auf die öffentliche Hand verlassen. Und da sehe ich noch ganz, ganz viel Bedarf. Denn der vollmundig versprochene Ausbau der Ganztagsschulen hinkt den realen Anforderungen unserer Gesellschaft einfach viel zu sehr hinterher.

Hat das eigentlich Methode? Sollte das am Ende daran liegen, dass die, die darauf angewiesen sind, den unteren Einkommensklassen angehören?

Wenn deren Kinder nicht in einen fatalen Kreislauf aus Armut und mangelnden Bildungschancen geraten sollen, müssen endlich günstige Betreuungsangebote her.

Aber will man denn überhaupt, dass sie aufsteigen, dass sie dieselben Chancen bekommen wie der Nachwuchs der Besserverdienenden?

Ich habe da langsam meine Zweifel.

Wollen wir hoffen, dass ich mich täusche…

Herzlichst, Ihr Abacus-Team!

 

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