Seltsame Vorurteile…

Die Welt ist doch ein lustiger Ort. Zu dieser Ansicht kann man zumindest kommen, wenn man in den letzten Tagen die Nachrichtenmeldungen aus der Welt und aus der Region verfolgt hat.

Während in Freising der drohende Bau der dritten Startbahn dazu führen könnte, dass die Stadt in ihrem Wachstum deutlich eingeschränkt, wenn nicht gar behindert wird – solches stellte sich bei der Anhörung heraus – schränken parteipolitische Plänkeleien in der Spitzenpolitik der größten Weltmacht vermutlich bald nicht nur deren Wachstum ein, sondern könnten zu einer handfesten Gefahr für die Weltwirtschaft werden. Womit sich für Freising, ganz nebenbei, am Ende die groteske Situation ergeben könnte, dass die ultrakonservative und sonst gar nicht auf Umweltschutz bedachte Tea-Party-Bewegung in den Vereinigten Staaten uns Freisinger doch noch vor der dritten Startbahn bewahrt.

Währenddessen will ein führender Religionsgelehrter in Saudi-Arabien Beweise dafür haben, dass Autofahren eine Gefahr für die Gesundheit von Frauen darstellt und man diese folglich zu ihrem eigenen Besten vor dieser riskanten Tätigkeit abhalten müsse – zur Not auch gegen deren Willen, versteht sich. Was hierzulande wiederum nur eingefleischten Chauvis Zustimmung finden und bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung für verwundertes Kopfschütteln sorgen dürfte.

Bevor wir uns nun aber mit westlichem Überlegenheitsdünkel über die rückständigen Araber – genau genommen ist es ja nur eine Minderheit innerhalb der vielen arabischen Länder – lustig machen, sollten wir uns dummen Vorurteilen im eigenen Lande zuwenden. Vorurteilen, die zu handfesten Benachteiligungen der Betroffenen führen. Ich spreche von einer Spiegel-Meldung über eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, die zu dem Schluss kommt, dass übergewichtige Kinder bei der Benotung offenbar systematisch benachteiligt werden.

Die Studie betont übrigens, dass der soziale Status der Familie dabei keine Rolle spielt. Damit nimmt sie Lesern den Wind aus den Segeln, die mit einem zweiten Vorurteil kontern möchten: Dass nämlich in den sozial schwachen Familien die Kinder alle dick und doof sind und damit die vermeintliche Benachteiligung schön wegerklärt werden kann.

Nein, das Problem liegt woanders. Lehrer sind auch nur ein Teil der Bevölkerung, und leider viel zu oft ein allzu durchschnittlich-repräsentativer. Will heißen: Die Diskriminierung übergewichtiger Menschen ist leider ein allgemeines Problem, dass an den Schulen besonders krass zutage tritt.

Man muss sich doch nur einmal die gängigen Fernsehsendungen ansehen.

Zuerst einmal sind dicke Menschen immer noch unterrepräsentiert. Das Fernsehen gaukelt eine falsche Scheinrealität vor, in der gut durchtrainierte, schöne Menschen mit ebenmäßigen Gesichtern der Normalfall sind. Die paar Quotendicken erscheinen zumeist allenfalls als Nebenfiguren, in der Regel als lächerlicher Hanswurst, der vom Leben nicht viel zu erwarten hat. Beziehungsglück? Liebe? Wertschätzung? Nicht doch, darauf scheinen nur diejenigen einen Anspruch zu haben, die den Ansprüchen gesellschaftlicher Konformität entsprechen.

Alle anderen sind bestenfalls menschliche Requisiten. Der oder die Dicke, das suggeriert unsere Medienlandschaft flächendeckend, hat sich gefälligst mit einer Rolle als Statist und verständnisvoller Zuhörer abzufinden. Die Helden der Handlung sind diejenigen, die sich der Forderung allgemeiner Fitness unterworfen haben.

Wenn Kinder und Erwachsene Tag für Tag mit so einem Zerrbild aufwachsen, was kommt wohl raus? Übergewichtige Kinder werden dann eben in der Schule von ihren Klassenkameraden – aber viel zu oft auch von den Lehrern! – verspottet, gemobbt, diskriminiert. Schließlich muss man ihnen ja zeigen, wo ihr Platz mal sei wird. Man zwingt sie genau in die Rolle, die die Medien ihnen vorgeben. Von wegen Bildungsauftrag des Fernsehens!

Dass Leute, die allen gesellschaftlichen Normen entsprechen, eher die Ausnahme sind als die Regel, und dass der Charakter und liebenswerte Eigenschaften meist auf den kleinen oder großen Abweichungen von diesen Normen beruhen, geht immer mehr unter.

Dummerweise urteilen die meisten Zeitgenossen nach dem Äußeren, alles andere spielt eine untergeordnete Rolle.

Da frage ich mich, ob viele der gesundheitlichen Probleme, die Übergewicht so mit sich bringt, nicht eigentlich auf sozialen Stress zurückzuführen sind…

Herzlichst, Ihr ABACUS – TEAM/Dr.M.Fritz.

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