Wie viel Ruhe braucht das Kind?

Nachdem ich neulich in einer zweiteiligen Miniserie Ratschläge zum richtigen lernen gegeben habe, will ich nun einen kleinen Anhang folgen lassen mit Ratschlägen zum Entspannen.

Ich weiß, ich weiß… beim Lesen meiner Lerntipps ist sicherlich  beim ein oder anderen LeserIn der Eindruck entstanden, bei so vielen Stunden Lernen und Hausaufgabe bliebe ja gar keine Zeit mehr zum Entspannen. Wann, so bin ich gefragt worden, darf denn das Kind noch Kind sein? Wann soll es denn bitte mal zu sich selbst kommen?

Die Frage ist sicherlich berechtigt. Aber in der Regel stelle ich beim Nachhaken fest: So wenig freie Zeit haben Kinder und Jugendliche heutzutage in der Regel gar nicht. Sie ist meist nur derart straff durchgeplant – ich möchte fast sagen: verplant – dass kein Platz mehr zur Regeneration übrig ist.

Denn junge Menschen brauchen auch Ruhepausen, um Erlebtes einzuordnen und aufzuarbeiten. Also Zeit, in der keine Aktivitäten stattfinden.

Aber ist es dann der richtige Weg, beim Lernen zu kürzen? Zumal erfahrungsgemäß jede Kürzung der für die außerschulische Vorbereitung notwendigen Zeit kurz darauf ohnehin schon wieder mit zusätzlichen Hobbies, Aktivitäten und Stress voll gepackt wird.

Das würde in einem wahren Circulus vitiosus nach und nach dazu führen, dass irgendwann einmal die Schüler gar nichts mehr lernen und in der totalen Freizeitgesellschaft ankommen. Und man muss schon sehr unreif sein, um das erstrebenswert zu finden!

Ich denke also, das Problem liegt woanders: Aufgrund bestimmter kultureller Faktoren neigen westliche Gesellschaften seit jeher zu einem Ideal rastloser Aktivität; Untätigkeit wird dagegen als Zeitverschwendung bzw. im Extremfall sogar als Zeichen für Lasterhaftigkeit  angesehen. Dabei spielt nicht nur die protestantische Ethik eine Rolle, derzufolge ameisenhafte Beschäftigung eine Form des Gottesdienstes ist. Auch die katholische Kirche kennt keine Entsprechung zur meditativ ausgerichteten religiösen Kultur der Buddhisten und Taoisten des Fernen Ostens. Schließlich lautete der Grundsatz des in Europa am weitesten  verbreiteten Mönchsordens ora et labora, „bete und arbeite“. Für scheinbar passives Dasitzen und Reflektieren hatte man da auch nicht viel übrig. Und wir reden hier von den Ordensgeistlichen. Wie viel schlimmer muss das bei den Weltgeistlichen und bei den Laien gehandhabt worden sein! Gut zu beobachten ist das noch heute in kleinen Dörfern, nicht nur im Landkreis Freising, aber eben auch da: Das fleißige Herumwerkeln am Garten und am Haus wird als deutlich Sichtbarer Beweis für den Anstand der Arbeitenden gewertet. Und darf übrigens auch sichtlich keinen Spaß machen: Arbeit hat keinen Spaß zu machen in unserem Land. Nirgends in Europa schimpfen die Arbeitnehmer so viel über ihre Arbeit und tun das so gern nach der Arbeit in ihrer Freizeit wie bei uns. Sie denken, die anderen Europäer arbeiten ja auch nicht so viel wie die Leute hierzulande? Da täuschen Sie sich und beweisen nur, dass Sie fest sitzenden Traditionen verhaftet sind, was Ihre Einstellung zur Arbeit angeht.

Vielleicht sollten wir mehr von den Asiaten lernen. Nicht von den modernen, dem Konsumdenken ebenso wie wir verpflichteten Asiaten. Die sind ebenso gehetzt und rastlos wie wir. Ich rede von der traditionellen Kultur, in der eben auch Ruhephasen und innerer Rückzug eine Wertigkeit hatten.

Machen Sie sich frei von dem Druck, Ihr Kind in noch einen Kurs und noch eine außerschulische Aktivität zu stecken. Selbst wenn es das will – es kann die Folgen nicht gut einschätzen. Das Beste, was Sie ihrem Nachwuchs mitgeben können, ist die Fähigkeit, sich Freiräume zu schaffen. Wer die Kunst beherrscht, sich Oasen der Entspannung zu schaffen, kann später auch dann ein glücklicher Mensch werden, wenn es vielleicht einmal nicht so gut läuft.

Aber die Zeit zum Entspannen von den Lernzeiten wegzunehmen, ist in doppelter Hinsicht  eine ziemlich schlechte Idee: Erstens ist es reichlich unwahrscheinlich, dass der Sprössling einmal genügend Geld haben wird, um seinen hohen Lebensstandard zu halten.

Wer aber bereits zur Freizeitgestaltung viel Geld nötig hat, ist in solchen Phasen ziemlich arm dran. Zweitens ist Bildung auch eine Garantie, sehr viel später einmal ein zufriedener Mensch zu bleiben. Die Chance auf ein hohes Alter ist für die heute lebenden Generationen so groß wie nie. Aber nicht jeder kann diesen Lebensabschnitt fit und gesund erleben. Wenn man eines Tages einsam und gebrechlich in einem Altersheim sitzt, wird man mit keiner anderen Person so viel Zeit verbringen wie mit sich selbst. Da sollte man beizeiten dafür gesorgt haben, dass man eine verdammt interessante Person ist.

Das alles können Sie Ihrem Nachwuchs geben, wenn Sie in der Jugend die Weichen dazu stellen.

 

 

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