Lies mal wieder!

 

Quelle:Luise  / pixelio.de

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Freising lässt in kultureller Hinsicht nach. Hatten wir letztes Jahr noch eine Zeit lang sage und schreibe fünf (!) Buchläden, sind es jetzt gerade mal nur noch drei. Eigentlich zwei, wenn ich den weglasse, in denen mittlerweile praktischer Krimskrams für jeden Tag, Polystone-Elfen und ähnlicher Tand allmählich die Überhand gewinnen. Na gut, sagen wir zweieinhalb.

Da hatte ich vor einem Jahr noch so schön angegeben bei meinen Freunden aus München. Wir gehören nämlich allesamt noch zu der Generation, die die Bildungsbeflissenheit einer Stadt nach der Zahl ihrer Bibliotheken, Buchläden und Antiquariate bemisst. Nun ist Freising zwar eine Universitätsstadt, aber ein gewisser Standortnachteil ist hierbei, dass es sich um eine Uni mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung handelt. Und im Gegensatz zu den Geisteswissenschaftlern an der LMU ist das Lesen als Hobby bei den Studierenden der in Freising vertretenen Fächer nicht Freizeitbeschäftigung Nr. 1.

Das hatten die Betreiber der Leseläden offenbar nicht in die nähere Betrachtung gezogen.

Leider.

Doch das Problem setzt viel früher ein. Denn Lesen fängt man nicht erst an der Uni an, sondern schon im Grundschulalter. Das Buch als täglicher Begleiter zur Entspannung in der Freizeit prägt sich nun mal in den ersten Lesejahren ein. Sonst bleibt es ein abstraktes Folterwerkzeug, dessen Benutzung zuweilen gar als Strafmaßnahme verhängt wird. Wenn ich mich dagegen an meine ersten Leseerfahrungen erinnere: Genuss pur! Ich schmecke ein kühles Getränk im Sommer, ich rieche den Duft von frisch gemähtem Gras, der über die Wiesen in den Garten geweht wird, ich fühle den kühlen Schatten eines Baumes, unter dem ich lesend liege. Und ich erinnere mich vor allem an das köstliche Gefühl, Zeit zu haben, ganz ohne Zwänge und ohne Druck zu sein. Lesen ist Freiheit für mich, noch heute, ein Buch stellt die Flügel dar, auf denen ich auf den Wolken der Phantasie aufbreche zu weit entfernten Ufern und fernen Orten. Wundern Sie sich, warum ich gerne lese? Selbst Sachbücher – gerade die! – öffnen Türen in unbekannte Dimensionen. Lesend entdecke ich neue Welten. Wozu brauche ich einen Flughafen? Ich brauche keine Billigflieger für meine Reisen. Ich habe ein Buch.

Mir tut jeder meiner Schüler leid, der mit dem Lesen solche Erfahrungen nicht hat. Ihm bleiben ganze Welten auf ewig verschlossen. Irgendwann verkümmern die Flügel seines Geistes so sehr, dass er auf die ständige Stimulation durch äußere Reize angewiesen ist, um überhaupt etwas zu empfinden. Anstatt zu agieren, reagiert er. Es ist kein Wunder, dass die Nicht-Leser im Laufe der Zeit mehr und mehr ins Lager der Computerspieler wechseln. Da lassen sie sich dann die Bilder, die im Kopf entstehen sollten, fertig vorsetzen. Als eine Art geistiges Fastfood. Und wie schädlich das ist, ist allgemein bekannt.

Den Eltern, die mir jetzt beifällig nickend zustimmen, kann ich nur raten: Sorgen Sie für die passende Umgebung, in der sich Ihr Kind wohl fühlen kann. Schaffen Sie die nötigen Ruheräume, statten Sie diese mit Erfrischungen aus, und vor allem: Lassen Sie ihr Kind seine Lektüre selbst auswählen! Gehen Sie auf seine Interessen ein! Dann wird es gerne lesen.

Gerade diese ersten, prägenden Erfahrungen sind so wichtig für das ganze weitere Leben. Hier können Sie ihr Kind guten Gewissens verwöhnen. Kein Stress, kein hartnäckiges Nachhaken, keine Zwänge. Und wie viel Spaß könne Sie selbst haben, wenn Sie die Kleinen hilfreich bei ihren ersten Leseübungen unterstützen! Helfen Sie ihm ruhig bei den schwierigeren Wörtern, sprechen Sie ihm vor, was die Zunge noch nicht von allein schaffen kann. Seien Sie offen für alle Fragen, die das kleine Wesen an Sie hat. In seinen Augen sind Sie die weiseste Person der Welt; Sie sind derjenige, der die Welt erklärt und damit erst erfahrbar macht. Durch Ihre Augen entdeckt Ihr Kind das Leben. Im Gegensatz zu allen anderen Hobbies können Sie hier wirklich gemeinsam Zeit verbringen.

Welche Unternehmung könnte für Eltern und Großeltern schöner sein als diese?

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