Warum unsere Kinder und Jugendlichen eine lebenswerte Innenstadt brauchen

Freising

Schon seit letzte Woche ist es also bekannt: Mit dem Camera-Kino soll nun auch das letzte Kino in der Innenstadt dichtmachen. Stattdessen wird von der Grundstückseigentümerin der Bau eines Wohnhauses angedacht. Auch die Kino-Familie Fläxl hatte daran offenbar weiter nichts auszusetzen. Am Freitag kam es dann zu einer Demonstration.

Grundtenor der Demonstranten war: Es reicht eben nicht, ein Kino in Mintraching zu haben. Zu einer lebendigen Innenstadt gehört auch ein Kino. Wie ich meine, ist es für Heranwachsende wichtig, selbstständig auch mal gerade den spontanen Kinobesuch entscheiden zu können. Das aber geht nicht, wenn man zuvor die Eltern bitten muss, den Fahrdienst zu übernehmen.

Genau dies haben viele alte Freisinger befürchtet, als in Mintraching das Kino-Center gebaut wurde. Ein solches „Erlebniskino“ musste ja den alten, eher gemütlichen Kinos das Wasser abgraben. Die älteren Jugendlichen, die bereits selbst den Führerschein besitzen, sind natürlich lieber dorthin gegangen.

Was aber wird aus den jüngeren?

Wir erleben momentan nicht weniger als den Niedergang einer Lebensweise, die lange Zeit ganz selbstverständlich zu Freising gehört hat. Erste soziale Erfahrungen ohne die Eltern, dafür mit Freunden. Die Stadt einmal nicht nur als Durchgangskulisse beim Schulgang erleben, sondern auch mal mit positiven Erfahrungen assoziieren lernen. All das wird es bald nicht mehr geben. Gerade das Kino als sozialer Ort war für diesen Abschnitt jugendlicher Entwicklung ungeheuer wichtig.

Eine Stadt ist eben mehr als nur ein Ort, an dem eine bestimmte Anzahl Menschen lebt. Sie ist ein sozialer Mittelpunkt. Und ihre Bürger sich mit eben diesem ganz einzigartigen und unverwechselbaren Zentrum identifizieren zu lassen gelingt nur, wenn wir lebenswerte Stadtzentren haben. Und wir werden unsere Kinder und Jugendlichen nur dann zu echten Freisingern (nicht nur zu Erwachsenen!) erziehen, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, positive Erfahrungen mit dieser Stadt zu sammeln.

Auch wenn das Kino sicherlich nicht mehr so viel Geld abwirft wie nötig: Aber man kann eben nicht alles mit Geld und Gewinn aufrechnen. Der Mensch ist ein irrationales Wesen, und wenn man ihm die kalte Logik des Profits überstülpt, wird er nicht glücklich.

Sonst werden wir eines Tages in einer Welt aufwachen, die wir so nie gewollt haben. Ich verstehe durchaus die Motive der Grundstückseigentümerin: Die Lage ist hervorragend, und Wohnraum ist in Freising knapp. Die Versuchung, daraus Kapital zu schlagen, ist sicher groß, und schwer ist es, ihr zu widerstehen.

Aber machen wir uns nichts vor: Wer da hinzieht, ist nicht gerade arm. Und warum sollte jemand viel Geld ausgeben, um Stadtzentrum zu wohnen? So jemand sucht sicherlich die innerstädtischen Strukturen, die Möglichkeit, abends auszugehen, sich zu amüsieren. Und will dann nicht erst lang mit dem Auto fahren, sonst könnte er ja gleich auf dem Land leben.

Mit anderen Worten: Die neuen Bewohner des Areals werden genau das zerstören, was sie eigentlich gesucht haben. Ein weiteres unverwechselbares Stück Freising verkauft um schnöden Profit!

Und es wird nicht beim Kino bleiben. Die Erfahrung zeigt, dass die komplexen innerstädtischen Strukturen sehr fragil sind. Nimmt man eine Konstante heraus, führt das leicht zu einem Dominoeffekt. Nach den Kinos folgen die Cafés, die Studentenkneipen, die Bars – alle Lokalitäten, die von den Nachtschwärmern profitiert haben.

Das ist ein bekanntes Phänomen. Man nennt es Gentrifizierung. Wenn Sie die Folgen dieses Vorgans sehen wollen, schauen Sie nach Berlin. Da hat sie ganze Stadtviertel ihres ursprünglichen Charakters beraubt und viel Unfrieden gestiftet zwischen den Alteingesessenen und den Neuzuzüglern.

Wollen wir das? Ich glaube nicht.
Herzlichst, Ihr Abacus-Team!

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