Willkommen im Land der Sozialversager…

Nun ist es also raus: Deutschland ist der Nerd unter den Staaten. Wie eine aktuelle OECD-Studie zeigt, ist unser wirtschaftlich potentes, forschungs- und innovationsfreudiges Land ein Komplettversager im Fach Sozialkunde.

Während deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen, um dort im Zuge der Menschenrechte auch die Frauenrechte zu sichern, haben wir hierzulande eine systematische Benachteiligung von Frauen beim Arbeitslohn, bei der Rente und bei der Ausübung qualifizierter Arbeit. Während hierzulande kopftuchtragende Musliminnen als Gefahr für die Freiheit des Westens angesehen werden, stöhnen fünfzig Prozent der Bevölkerung unter Benachteiligungen, die sich aus der schlechten Versorgung mit qualifizierter Kinderbetreuung ergeben und ihnen die Annahme von Arbeitsstellen, die ihrem Ausbildungsniveau angemessen wären, unmöglich macht. Und während wir uns alle verwundert die Augen reiben, warum denn nun trotz Gebärprämie von monatlichen hundertfünfzig Euro die Geburtenrate immer noch zu den niedrigsten der Welt gehört, müssen die zukünftigen und gegenwärtigen Rentnerinnen auch noch nach einem erfüllten Berufsleben die Altersarmut fürchten, weil ihre Kinderbetreuungsjahre zu niedrig angerechnet werden.

Letzteres wird gerade hier, im Landkreis Freising, ein gewaltiges Problem werden. Und ist es eigentlich schon. Unser Landkreis gehört bei den Lebenshaltungskosten zu den teuersten in ganz Deutschland. Mieten, Essen, Kleidung – alles ist hier teurer als etwa in der niederbayerischen Provinz oder auf dem platten Land in Sachsen-Anhalt. Für die jungen Mütter ein Damoklesschwert, dem sie nicht entrinnen können, denn noch immer sind die Freisinger bei der Kinderbetreuung chronisch unterversorgt. Da spielen sich Dramen ab, von denen viele meiner Leser keine Ahnung haben: etwa wenn eine allein erziehende junge Mutter arbeitslos wird und ihren Betreuungsanspruch verliert. Nicht allein, dass sie und ihr Kind/ihre Kinder nun mit viel weniger Geld auskommen müssen und dass sie nun den Gängeleien der Ämter und Behörden ausgesetzt ist. Auch ihre Kinder verlieren damit ihr gewohntes soziales Umfeld, weil sie nicht mehr in den Hort gehen dürfen. Die Horte trifft daran keine Schuld: aufgrund der schlechten Versorgungslage im Landkreis sind sie gezwungen, Kinder heimzuschicken, sobald deren Eltern selbst zuhause sind, damit sie sofort den nächsten auf der Liste aufnehmen können. Und die Folgen gehen weiter: denn wie soll die junge Frau nun einen neuen Job annehmen, wenn sie nicht weiß, wohin mit den Kindern? Bei manchem setzt das einen fatalen Zirkel in Gang, an dessen Ende die dauernde Abhängigkeit von Hartz IV steht.

Unterdessen wird – wie im Laufe des letzten Jahres in der Zeitung zu lesen war – den Armen geraten, aus der Stadt zu ziehen, da die Mieten selbst für kleine Wohnungen mittlerweile grotesk hoch sind. Also im Klartext: die Niedriglohnjobber, die in der Stadt und am Flughafen alles am Laufen halten, sollen bitteschön nicht weiter das Stadtbild verschandeln und nach der Arbeit möglichst weit raus aus der Stadt fahren. Wie sie da noch ihre für uns alle notwendigen Jobs machen sollen – oft handelt es sich um Schichtarbeit, für die ein Auto nötig ist – wurde nicht gesagt. Und wenn solche Leute letztendlich dann bei der Wohlfahrt landen, müssen sie sich noch als faule Nichtstuer beschimpfen lassen.

Ein indianisches Sprichwort sagt: „Ehe Du über mich urteilst, geh´ erst einmal sieben Meilen in meinen Mokassins!“. Wäre nicht schlecht, wenn der ein oder andere Politiker, der Arbeitslosigkeit mit Liederlichkeit gleichsetzt und weitere Absenkungen des Sozialhilfeniveaus fordert, mal selber eine Zeit lang in der Situation einer allein erziehenden Mutter leben müsste. Vermutlich hätten wir da eine weitaus bessere Versorgung mit Kita-Plätzen und Lehrern. Denn auch bei denen wird gespart: An manchen guten Tagen ist es zwar noch möglich, für seine Kinder durchgehenden Unterricht zu bekommen, aber es fällt einfach zu viel aus. Aber nicht, weil die Schulleitung unfähig wäre, sondern weil der Lehrkörper auf Kante genäht ist: Da genügt schon ein kleiner, unvorhersehbarer Unfall oder eine Schwangerschaft, und schon fällt die Klasse in der Vermittlung des Lernstoffes weit zurück. Und das im Zeitalter von G8, wo ohnehin die Lehrpläne übervoll sind!

Machen wir uns nichts vor: es gibt vieles, was sich ändern muss in unserem Land. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein!

Herzlichst, Ihr Abacus-Team/Dr. M. Fritz!

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